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Objekt des Monats: April 2020

Mittwoch, 25.03.2020

Die Pornographie der Verhältnisse. Der Skandal um Oswald Wieners "die verbesserung von mitteleuropa, roman" in den „manuskripten“

Undat. hs. Briefentwurf von Alfred Kolleritsch an Oswald Wiener nebst Mailabschrift vom 28.10.2005, Archiv der Literaturzeitschrift „manuskripte“, Ordner „Autorenbriefe 2005“, mit freundlicher Genehmigung von Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger

„die manuskripte habe ich inzwischen auch, danke, die größte nummer ist das ja nicht gerade, aber wiener ist ganz schön, auch artmann, das andere ist wohl ziemlich unter der kanone von rio de janeiro“, schreibt Peter Handke am 22.11.1966 in einem Brief an seinen Freund Alfred Kolleritsch (Schönheit ist die erste Bürgerpflicht, Jung und Jung 2008, S. 9) und bezieht sich dabei auf eben jenes Heft 18 der Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“ (1966/67), das schon bald als angebliche „Porno-Nummer“ in die Literaturgeschichtsschreibung eingehen sollte. Corpora Delicti in dem empört herbeigeschriebenen Skandal: Sprach-Akte wie „gegenstand zieht sein glied aus der wirklichkeit“ (25) aus Oswald Wieners „reportage vom fest der begriffe“, der „4. fortsetzung“ seiner ab Heft 13 (1965) kontinuierlich in den „manuskripten“ abgedruckten verbesserung von mitteleuropa, roman, welche die reaktionären Sittenhüter der konservativen Grazer Presse, von der Kulturzeitschrift „Das Programm“ bis zur „Süd-Ost-Tagespost“, auf den Plan riefen. Was da wieder einmal mit den wohlbekannten Argumenten hochkochte, war jenes „gesunde“ Volksempfinden, das sogenannte „Unzüchtigkeit in der Kunst“ nur tolerierte, insofern sie sich durch die ästhetische Form gebändigt präsentierte, wie dies etwa der Kulturredakteur der „Tagespost“, Wolfgang Arnold, in einem retrospektiven Kommentar unter dem Titel Kunst und Pornographie in der Zeitschrift des Alpenländischen Kulturverbandes Südmark „Lot und Waage“ (1968, H. 11/12) forderte. Die Argumentation war so altbewährt wie zynisch: Nicht die Freiheit der Kunst sollte infrage gestellt werden, sondern dem jeweils angeprangerten Werk wurde sein Kunstcharakter abgesprochen, wodurch es als Ausgeburt der obszönen Phantasie seines Verfassers innerhalb eines Krankheitsdiskurses entschärft werden konnte und zugleich unter den – im übrigen heute noch gültigen – § 1 des Pornographie-Gesetzes von 1950 „über die Bekämpfung unzüchtiger Veröffentlichungen und den Schutz der Jugend gegen sittliche Gefährdung“ fiel und somit zum gerichtlich verfolgbaren Straftatbestand wurde.
Die Konsequenzen im konkreten Fall sind bekannt und hatten eine existenzbedrohende Rufmordkampagne gegen den Herausgeber der „manuskripte“ in seiner Funktion als Gymnasiallehrer, eine polizeiliche Voruntersuchung, ein Verbreitungsverbot des betreffenden Hefts sowie die Sistierung von Subventionen für das Forum Stadtpark als Trägerverein der Zeitschrift zur Folge, aber auch eine vom Herausgeber initiierte Ehrenbeleidigungsklage gegen den Chefredakteur der Zeitschrift „Das Programm“, Kurt Kirmann, und eine Solidaritätsaktion, die in eine Flut von Unterstützungsbriefen für die „manuskripte“ aus dem In- und Ausland mündete – von Jürgen Becker über Ernst Jandl und Friederike Mayröcker bis Martin Walser, von der Galerie nächst St. Stephan über das Literarische Colloquium Berlin, den Suhrkamp bis zum Rowohlt Verlag, in dem schließlich Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa, roman 1969 erscheinen sollte. Zum Pornographie-Prozess ist es übrigens nie gekommen, das Vorverfahren wurde laut Auskunft des Herausgebers 1968 eingestellt (vgl. die marginalie von 1968, H. 22).
Alfred Kolleritsch hat in der Rückschau-Nummer 149 (2000) anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums etliche der Dokumente aus jenem Konflikt nachlesbar gemacht. In einer ebenfalls in diesem Heft abgedruckten Rede anlässlich 15 Jahre manuskripte von 1975 erinnert er sich: „Die manuskripte ‚profitierten‘ von dieser durchschaubaren Dialektik von Reaktionären und neuer Kunst, von dieser gefährlichen Raunzerei, daß das Neue das Alte zerstöre und daß die Welt wieder einmal gerade am Ende sei, sie profitierten von dieser geradezu mythischen Dummheit, die in der Nazizeit aufglänzte und weiterstrahlt … Der Profit daraus war für uns der Zusammenhalt. Er ermöglichte das Überleben der manuskripte“ (85).
Oswald Wiener selbst, dessen Text zum eigentlichen Ausgangspunkt der Kalamitäten, aber auch der sich daran entzündenden „Widerstandsnarration“ wurde, ließ sich zu keinerlei Unterstützungserklärung bewegen und unterlief gemäß seinem individualanarchistischen Ansatz aggressiv-polemisch jegliche Vereinnahmung. Aufschluss über die geradezu sado-masochistisch wirkende Beziehung zwischen dem Herausgeber und seinem widerborstigen Autor geben Holger Englerths ausführliche Zitate aus dem Briefwechsel der beiden Autoren in seinem online über die Österreichische Nationalbibliothek nachlesbaren Essay über die Literaturzeitschrift „manuskripte“ (S. 19-22).

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Daniela Bartens

Am 23. und 24. April ist unter dem Titel „Wie es mit der Literatur weitergeht. 60 Jahre Literaturzeitschrift manuskripte“ ein Symposium des Franz-Nabl-Instituts in Kooperation mit „manuskripte – Zeitschrift für Literatur“ im Literaturhaus Graz geplant.

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