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Objekt des Monats: August 2018

Vitrine zu Klaus Hoffers Roman "Halbwegs. Bei den Bieresch 1"

Verlagsplakat / Rückseite des manuskripte-Hefts 60/‘78 / 2 Exemplare der Erstausgabe /  Brief Peter Handkes, 1 Bl. hs, mit beigelegter Typoskript-Kopie, 4 Bl.: Zu Klaus Hoffer: „Halbwegs“, FNI-Hoffer, Klaus-K2-Handke (27.3.1979), Bl. 1-5.

Wenige Tage vor dem christlichen Fest des Sprachwunders sandte Handke Hoffer aus Berlin „als einen Pfingstgruß“ eine ausführliche Besprechung seines Bucherstlings Halbwegs, die im Spiegel gedruckt werden sollte. Als eines der Leitmedien im deutschsprachigen Raum war das Nachrichtenmagazin fraglos ein günstiger Ort, dem in der ‚Collection S. Fischer‘ (literarische Debüts) veröffentlichten Text die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bereits in einem Brief vom 27. März hatte der Kärntner Jungstar, der eben erst eine tiefe Schreibkrise mit der Arbeit an Langsame Heimkehr überwunden hatte, seinem Grazer Freund über sein Leseerlebnis berichtet und sich „ziemlich beeindruckt“ gezeigt von der „windschiefe[n]“ Parabel, die eine „eigene Lesegeschwindigkeit oder -haltung“ verlange. Nun legte er ihm das Ergebnis seiner sorgsamen Lektüre vor, das schließlich unter dem Titel Von einem redelustigen Gottesvolk am 25. Juni 1979 in dieser Form auch erschien.  

Halbwegs ist der erste Teil des Romans Bei den Bieresch, der wie kein anderes seiner Werke mit Hoffers Namen verbunden ist und vier Jahre später mit Der große Potlatsch vollendet wurde. Es ist die Geschichte des Ich-Erzählers Hans, der nach Zick kommt, um traditionsgemäß in die Rolle seines verstorbenen Onkels zu schlüpfen, und von den redselig-verschrobenen Dörflern (den Bieresch) in wenig mehr als einem Tag in seine neue Identität als Landbriefträger ‚Halbwegs‘ gedrängt wird. In der Poetisierung der seltsam vertrauten und doch aus Ort und Zeit gefallenen Bieresch-Welt, wo sich Rätselhaftes teils verstörend und alptraumhaft, teils auch anheimelnd oder erheiternd manifestiert, dominiert die Verwirrung als ästhetisches Prinzip. Die Destabilisierung der Vermittlungsinstanz, die unzuverlässige Mimesis einer pannonischen Kulturlandschaft, die am Erzähler vorgeführte Labilität jeglicher Wirklichkeitserfahrung, der polyphone intertextuelle Dialog sind Charakteristika von Hoffers labyrinthischem, vieldeutigem Schreiben, das Realität als sprachliches Konstrukt begreifbar macht. Was zunächst als ethnographische, historische oder geographische Gewissheit erscheinen will, kann mit an Kafka geschulten Verunsicherungsstrategien jederzeit wieder in Frage gestellt werden. Derart entzieht sich der meisterhaft formulierte Text auch den in der Literatur der 1970er-Jahre so gängigen Dichotomien von Stadt und Land, von Ich-Identität und Gruppenzugehörigkeit, von Heimat und Fremde und lässt das Andere im Eigenen oder gar als Eigenes erkennbar werden. Die zahlreichen literaturwissenschaftlichen Schubladisierungsversuche – in den Erzähltraditionen der Postmoderne, der phantastischen Literatur, im magischen Realismus u.s.w.  – wird der Autor selbst später mit dem Hinweis unterlaufen, dass der Roman auch als kritische Auseinandersetzung mit der Wiener Künstlerszene um Oswald Wiener zu lesen ist.

Es war nicht das erste Mal, dass Handke seinem gleichaltrigen Freund Hilfestellung gab, im Literaturbetrieb stärker wahrgenommen zu werden. Schon 1967 hatte er dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld Hoffers (Fragment gebliebenen) Roman Unter Schweinen ans Herz gelegt, dessen in den manuskripten abgedruckte Teile ihn „sehr, sehr beeindruckt“ (Briefwechsel, S. 65) hatten. Und doch schrieb Handke trotz aller Wertschätzung keine Jubelkritik über Halbwegs, das u.a. „Freunden, wie Peter“ gewidmet ist, „die der allgemeinen Verschwörung der Welt auf der Spur sind“. Es ist – so beginnt die Rezension recht kühl – „kein neues ‚Meisterwerk‘, sondern eine oft mühselig zusammengestoppelte, listig geklitterte, vielfältige, insgesamt eigenständige und lesenswerte Geschichte“, die in der Folge ausführlich vorgestellt wird. Dass sie auch von Werken Handkes (etwa Der kurze Brief zum langen Abschied) inspiriert ist, wäre ihm wohl nicht entgangen, selbst wenn die Quellenautoren nicht auf der letzten Buchseite genannt würden. Was ihn indes besonders interessiert, ist das Tempo der Bieresch-Erzählung, denn sie „gestattet dem Leser [...] nicht, sie zu überfliegen: sie verlangt (und ermöglicht zugleich) das Lesen als Arbeit“. So unterschiedlich die Karriereverläufe und Schreibweisen der beiden Freunde auch waren, hier stimmte ihr ästhetischer Ansatz überein. Denn auch Handke hatte in ebendieser Zeit zu einer Poetik der Langsamkeit gefunden, die fortan seine Arbeiten bestimmen sollte.

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