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Objekt des Monats: Dezember 2018

Gunter-Falk-Lesung im Café Grammel

Gunter-Falk-Lesung im Café Grammel, Graz, 1.4.1983, privater (Teil-)Mitschnitt, weitere Mitwirkende: Karlheinz Bartos, Günter Eichberger, Herwig von Kreutzbruck u.a., 30’, [digitalisierte] Audio-Kassette Maxell UL 90, Audio-Sammlung Franz-Nabl-Institut, Nr. 89. [Geschenk Karlheinz Bartos]

Diese mehr als 35 Jahre alte Kassettenaufnahme vom Karfreitag des Jahres 1983, in dem Gunter Falk am Christtag mit gerade 41 Jahren verstarb, hat primär dokumentarischen Charakter. Mangelhaft ist sie sowohl von ihrem nur halbstündigen Umfang mit den undokumentierten „Löchern“ her als auch von der verbesserungswürdigen Tonqualität: das im Vergleich zu heute vorsintflutliche Aufnahmegerät, das Speichermedium, die problematische Anordnung der Mikrophone, die fehlende Abstimmung der Lautstärke, die ständigen Unterbrechungen und Störungen durch das Publikum oder durch die Autorenkollegen. Gerade in dieser fehlenden Professionalität der Aufnahme und des Entstehungssettings liegen aber auch der Reiz und der Charme dieses in der Entstehung einigermaßen hausbackenen Tondokuments: Es zeugt von zentralen Merkmalen der Literaturveranstaltungen der „Forum“-Autoren seit den 60er Jahren: Improvisation, Spontaneität, Tabubruch, der alkoholische Exzess sollten die Ablauffolie „Dichterlesung“ in Frage stellen, das aktionistische Happening die geregelt-sterile Präsentationsform mit einer weihevollen Vorstellung eines abgeschlossenen „Kunstwerks“ zerstören. Der zugrunde liegende Wunsch nach einer Beseitigung der Grenze zwischen Kunst und Leben, nach einem Einbezug der Alltagsrealität in die Textentstehung und nach einer transmedialen, transgressiven Auflösung von bedeutungsvoller, respektgebietender Darbietung von Literatur zugunsten einer spielerischen In-Szene-Setzung von oft widersprüchlichen Kunstpartikeln ohne Repräsentationsanspruch verstand sich als Aufstand gegen jene Bedeutungs- und Sinngebote, die von den Vertretern zeitgenössischer steirischer Gesellschafts- und Kulturnormen erhoben wurden: Vor diesem Hintergrund proklamierten Wolfgang Bauer und Gunter Falk 1965 ihr „1. Manifest der HAPPY ART & ATTITUDE“ (vgl. dazu im Detail das „Objekt des Monats“ von Daniela Bartens). Die Aufhebung der „Unterdrückung des Lustprinzips“  sollte in einem künstlerischen Artikulationsrahmen sinnfällig werden, der das Kunstwerk seines Machtanspruchs ebenso entkleidet wie den Künstler, was sich in verbalen und optischen Thematisierungen der Sexualsphäre immer wieder sinnfällig wurde. Zentral war aber vor allem die modifizierte Aufführungspraxis von Texten.
Der Jazz war in diesem Zusammenhang für Autoren ein willkommener Begleitungs-, aber auch Interaktionspartner. Die schriftliche Fixierung in Form einer fixen Partitur, die dann quasi nur noch unterschiedlich „nachgespielt“ wird, ist hier von vornherein nicht zentral, die individuelle Umsetzung offener Themen und Motive demgegenüber – natürlich vor allem beim „Free Jazz“ – im Vordergrund. Gunter Falks Lyrik mit ihrem rhythmisierten Sprachduktus, ihrem appellativen Charakter, der vom Rezipienten eine unmittelbare Reaktion einfordert, der prinzipiellen Offenheit aufgrund des trotz der streng formalisierten Konstruktion meist fehlenden Reim- und Strophenkorsetts ist ebenfalls auf eine performative Realisation hin angelegt, wobei dazu noch die unverwechselbar-eindrückliche  Stimme des Autors kommt. Insofern ist das Umsetzen von Texten als Sprech- und Aufführungsgedichte im Kontext einer Jazzbegleitung – wie auch etwa bei Ernst Jandl – eine naheliegende Option. Weder musikalisch noch textuell wird dabei „nachgespielt“, der für Falk so zentrale Spielbegriff erfährt  seine akustische Realisierung in Form eines prinzipiell offenen Klang-Wort-Teppichs, vorangetrieben durch einen Beat, der als „Herzschlag“ des Jazz auch den lyrischen Rhythmus von Falks Texten vorantreibt.

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