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Objekt des Monats: Februar 2018

Dienstag, 30.01.2018

Adalbert Schremmers Gedicht Wolken über Dachau

"Was uns gestachelter Draht und elektrischer Strom verwehren"

hs. Entwurf des unveröffentlichten Gedichts "Wolken über Dachau". K[ottern], 22.1.1944. Nachlass Adalbert Schremmer am Franz Nabl-Institut für Literaturforschung

Wie zahlreiche andere ehemalige Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrationslager schrieb auch der gebürtige Wiener und Wahlsteirer Alois Wladimir Adalbert Schremmer nach seiner Befreiung durch US-amerikanische Truppen aus Kottern-Durach, einem Außenlager des KZ Dachau, literarische Texte, die den Versuch einer Bewältigung seiner dreijährigen Lager-Erfahrung darstellen. Schremmer, der am 8. August 1942 als 'Zugang' in Dachau registriert wurde, war aus politischen Gründen bereits seit dem "Anschluss" 1938 im Visier der NSDAP, die ihn am 12. März erstmals für zwei Monate inhaftierte und mit einem Berufsverbot belegte. In der Folge war er aus politischen Gründen "noch fünfmal verhaftet" worden - so eine "Amts-Bescheinigung" der Bezirkshauptmannschaft Murau vom 22. Dezember 1947 -, insgesamt war er eineinhalb Jahre in Gefängnissen und "vier Monate bei Zwangsarbeit im Straßenbau unter SA-Bewachung", weil die "Haltung und [das] Beispiel" des Schriftstellers und ehemaligen Verlagsleiters ihn der Gestapo "gefährlich erscheinen" ließ.

Nach 1945, also sechs Jahre vor Theodor W. Adornos Diktum, nach Auschwitz ein Gedicht zu verfassen sei "barbarisch", erschienen dutzende Berichte, Broschüren (z. B. im Wiener Stern-Verlag) und literarische Werke, die Zeugnis über die 'Ordnung des Terrors' ablegen sollten. Stilistisch oszillierten viele dieser Werke zwischen Literatur und Reportage, ebenso erfuhren die eigenen Erfahrungen eine Mythisierung oder Affirmation ins Religiöse. Die Verfasser dieser frühen österreichischen Lagerliteratur können allen politischen Lagern zugeordnet werden. Es finden sich ehemalige Anhänger des austrofaschistischen Ständestaates ebenso wie Sozialdemokraten, Kommunisten, Katholiken und auch Monarchisten. Dies veranlasste Edwin Rollett, den Präsidenten des "Verbandes demokratischer Schriftsteller und Journalisten Österreichs", bereits Ende 1946 davon zu sprechen, dass die "KZ-Literatur, die Memoirenwerke aus den Leidensjahren, die größeren und kleineren Reportagen über die Menschenschlächterei und die Folterlager der Hitler-Zeit, ein eigener und sogar recht umfangreicher Zweig der österreichischen Literatur geworden" wären.

Auch Schremmer legte als Überlebender der Lager Zeugnis ab. Sein Nachlass birgt, neben dem unveröffentlichten Prosawerk Christus in Dachau, ein Konvolut von handschriftlichen Gedichtentwürfen und -fassungen eines unbetitelten und unpublizierten Zyklus, der hochautobiographisch die Zeitgeschichte von 1927 bis 1954 aus der Perspektive eines unmittelbar Betroffenen fasst. Oftmals sind mehrere Gedichte einem bestimmten Jahr zugeordnet, welche die Einschnitte und Brüche der österreichischen (Zeit-)Geschichte betreffen. Einige dieser unveröffentlichten Gedichte sind seiner Lager-Erfahrung gewidmet, u. a. KZ und Wolken über Dachau. In ungereimten und freien Versen setzt der Katholik Schremmer dem Lageralltag das Bild einer jenseitigen Idylle entgegen, die angesichts der Erfahrung einer allgegenwärtigen lebensbedrohlichen Situation eine Art transzendente Freiheit verspricht. Ob die Entstehung und Niederschrift des Gedichtes tatsächlich während seiner Internierung erfolgte oder die Datierung mit 22. Jänner 1944 eine nachträgliche ist, lässt sich aufgrund der überlieferten Textträger nicht zweifelsfrei klären.

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