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Objekt des Monats: Februar 2021

Montag, 25.01.2021

„wer will schon mein Bruder, wer meine Schwester sein“. Herwig Kaisers „Mitzi S.“ und die Zeitschrift WAS

Herwig Kaiser: Mitzi S., Ausschnitt aus der Zeitschrift WAS, Nr. 33, November 1981, S. 28, 1Bl. + Cover.

„Da hielt einer, der es wissen muß, einen Vortrag, über Brüderlichkeit. […] Da hat einer etwas kaputtgedacht.“ Mit diesen kritischen Worten beginnt Mitzi S., eine Erzählung des im Jahr 2016 verstorbenen Grazer Autors und Dramaturgen Herwig Kaiser (*1958), der zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Textes im steirischen Kulturbetrieb längst kein Unbekannter mehr war. Gerade einmal 23 Jahre alt ist Kaiser, als Mitzi S. im November 1981 in der Zeitschrift WAS abgedruckt wird. Ein Jahr zuvor erhält er den Literaturförderpreis der Stadt Graz, dem weitere Auszeichnungen folgen. Ein Jahr später promoviert er zum Doktor der Rechtswissenschaften, bleibt jedoch der Literatur- und vor allem der Theaterszene weiterhin treu. Einen Aufschwung erlebt seine Karriere mit der Uraufführung des Jugendstückes Sepp auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses im Rahmen des Steirischen Herbsts 1980. Darin wird das Schicksal des durch ein selbstverschuldetes Unglück körperlich behinderten Sepp mit allen sich daraus ergebenden Folgen geschildert, wobei die schon vor dem Unfall angespannte und schädliche Vater-Sohn-Beziehung eskaliert. Der nicht zu durchbrechende gesellschaftliche Kreislauf, der sich in diesem Stück manifestiert, ist ein Motiv, das in mehreren von Kaisers späteren Werken wiederkehrt.

Für Amateurtheatergruppen schrieb der damalige Regie- und Jus-Student schon Ende der 1970er Jahre Theaterstücke, u. a. Tramper (1978). Nach dem Erfolg von Sepp wurden weitere seiner Dramen an professionellen Theatern – auch außerhalb Österreichs, etwa in Bonn und London – aufgeführt, im Jahr 1982 z. B. Bis aufs Blut und Ein-Tritt ins Leben (in Zusammenarbeit mit Thomas Spitzer (EAV) und Gert Steinbäcker (STS) entstanden), 1983 Mit dem Rücken zur Wand, 1985 Susie (gemeinsam mit Franz Bäck, mit Musik von Steinbäcker und Liedtexten von Spitzer), 1986 Tlansit und Die lange Nacht der Spekulanten, ein Stück, das schon vor seiner Uraufführung im Jahr 1993 skandalisiert wurde. Von 1984 bis 1990 arbeitete Kaiser als Dramaturg am Grazer Schauspielhaus, zudem war er Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Schließlich wechselte er als Chefdramaturg an das Saarländische Staatstheater in Saarbrücken, bis er 1995 im Europäischen Parlament tätig wurde.

In vielen seiner Werke greift Kaiser, der sich u. a. als Rechtspraktikant mit Jugendkriminalität beschäftigte und Jugendliche bisweilen in die Entstehung seiner Texte miteinbezog, die unmittelbaren Probleme dieser Generation auf. Bevorzugt richtet er seinen Blick aber auf die Außenseiter der Gesellschaft. Seien es der körperlich behinderte Sepp, mit dem seit seinem Unfall niemand mehr umzugehen weiß, Frauen im Rotlichtmilieu, die auf ihren monetären Wert reduziert werden, minderbemittelte Jugendliche, die aus Not zu Mördern werden, als welche die Gesellschaft sie auch richtet, sowie ausgenutzte Lehrlinge, die sich durch gesellschaftliche Gepflogenheiten einer glücklichen Zukunft beraubt sehen. Sie alle sind Ausgestoßene, sie „fallen durchn Rost“[1], wie es einer von Kaisers Protagonisten treffend ausdrückt. Ebenso ergeht es der Hauptprotagonistin von Kaisers Erzählung: Mitzi S. ist Mitte fünfzig, obdachlos und verkauft ihren Körper, um ihr Überleben zu sichern. In Hans, der wie sie auf der Straße lebt, ihr aber eine warme, trockene Unterkunft in einem verlassenen Lagerschuppen verspricht, die sie nötig hat, da sie aus einem Abbruchhaus vertrieben worden ist, sieht sie einen „Mensch, der ihre Sprache spricht“. Ihre Verbindung bleibt zweckmäßig, ohne allzu große Emotion. Ohnehin hat Mitzi sich längst ihrem Schicksal gefügt, nickt nur noch, „wenn man sie in die Schranken weist“, selbst wenn es nur die Klofrau auf der Bahnhofstoilette ist, die ihr mit der Polizei droht, falls sie diesen Ort nicht bald verlässt. Drehen sich Menschen auf der Straße nach Mitzi um, wird ihr bewusst, dass sie einen unangenehmen Geruch verströmt, wofür sie sich schämt, woran sie aber nichts ändern kann.

Kaisers Erzählung weist eine geschickte Zweiteilung in Theorie und Praxis auf. Drei der nummerierten sechs Kürzestkapitel beschäftigen sich mit der (christlichen) Theorie der Brüderlichkeit, während die übrigen das Konzept in der Praxis am Leben der Mitzi S. erproben. Gegen Ende verschränken sich diese Ebenen, wenn die Hauptprotagonistin über das Konzept der Brüderlichkeit nachsinniert, worin deutlich wird, wie unwahrscheinlich ein Ausbruch aus diesen belastenden Gegebenheiten für Mitzi ist, da in der Gesellschaft nur derjenige etwas zählt, der arbeitet und materielle Güter anhäuft. Das Mitleid, das Obdachlosen – etwa dem alten Fred, der vor der Stadtpfarrkirche bettelt – in Form von Almosen entgegengebracht wird, wird als Teil des Problems gezeichnet. So mahnt zumindest der Erzähler in Abschnitt drei, worin die Gleichheit aller Menschen anhand der biblischen Behauptung, dass jeder Mensch einmalig sei, Lügen gestraft wird. Eine bescheidene Gabe nach dem Messebesuch erlöst die KirchenbesucherInnen von ihrem schlechten Gewissen, wodurch das „eiskalte System“ ohne zu stocken weiterlaufen kann. Gelebte Brüderlichkeit sähe anders aus. „Da hat einer vorbeigedacht“, urteilt daher der Erzähler in Abschnitt fünf. Denn das Ausleben dieses Ideals brächte bestehende Werte und Ordnungen ins Wanken. Für derartige Gedanken bleibt Mitzi im täglichen Überlebenskampf jedoch kaum Zeit. Lediglich im Konjunktiv vermag sie am Ende des Textes ihre abgestumpften Gefühle auszudrücken, die die Unhaltbarkeit dieses Begriffs in der Gegenwartsgesellschaft deutlich machen. So richtet sich Mitzis unausgesprochene Frage, „wer will schon mein Bruder, wer meine Schwester sein“ – im Kontrast zum Begriff der Brüderlichkeit als die „eine Sache“ – direkt an den Leser, dem es obliegt, eine Antwort darauf zu finden.

Dem Abdruck von Mitzi S. im 33. Heft der Politik- und Kulturzeitschrift WAS im November 1981 ging eine Lesung der Erzählung am 6. Steirischen Katholikentag im Juni desselben Jahres voraus. Dieser fand auf Initiative von Johann Weber, dem Bischof der Diözese Graz-Seckau, unter dem Motto Fest der Brüderlichkeit statt, um ein neues Miteinander in der Katholischen Kirche der Steiermark zu fördern, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil Anfang der 1960er Jahre nicht nur eine Aufbruchsstimmung befördert, sondern innerhalb der Kirche auch zu Unruhen und Priesteraustritten geführt hatte. So fanden sich knapp 80.000 Menschen zum Festgottesdienst im Grazer Stadtpark ein. Zudem gab es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Musik- und Tanzeinlagen aus aller Welt, Forumsdiskussionen, speziellen Kinder-, Jugend- sowie Familienprogrammen und nicht zuletzt Lesungen von AutorInnen, die sich in ihren Texten mit Brüder- bzw. Schwesterlichkeit auseinandersetzten. Dass dieser Begriff keineswegs unpolitisch und damit auch nicht unproblematisch sein kann, streicht Gerfried Sperl in einer Einleitung der Texte, die während des Katholikentages vorgelesen wurden, in der Herbstausgabe der Zeitschrift WAS deutlich hervor.

Im Jahr 1972 ursprünglich als Programmzeitschrift mit Kulturkalender des Forum Stadtpark angelegt, entfaltete sich WAS mit dem Journalisten Gerfried Sperl als Herausgeber bald zu einer vollwertigen Politik- und Kulturzeitschrift, die häufig heikle Themen aufgriff. Von 1978 bis 2008 gab Sperl die Zeitschrift gemeinsam mit dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Steiner heraus, der seitdem als alleiniger Herausgeber fungiert. Die Zeitschrift förderte insbesondere die Diskussion von religiösen, politischen sowie genderbezogenen Themen. Literarische Beiträge zu den jeweiligen Themenschwerpunkten stellten dabei eher eine Seltenheit dar, wenngleich sie in Heft 33 ein Viertel des Gesamtinhalts ausmachten. Herwig Kaisers Text Mitzi S. aus dem Jahr 1981 fügt sich harmonisch in das Gesamtkonzept der Zeitschrift ein, da der Autor sich in einer Art und Weise mit der Brisanz des Begriffs der Brüderlichkeit auseinandersetzt, die den Leser selbst zum Ausfüllen der Leerstellen und damit zum Mitdenken animiert, eine Qualität, die sich auch die Zeitschrift WAS bis heute bewahrt hat.

Anna Fercher

[1] Herwig Kaiser: Mit dem Rücken zur Wand. Wien; München: Thomas Sessler Verlag 1983, S. 73.

Radio-Interview mit Herwig Kaiser (ORF, Sendung „Von Tag zu Tag“, 31.1.1989)

Im Literaturhaus Graz diskutieren am 9. Februar Constanze Dennig, Irmgard Griss, Franz Voves und Kurt Wimmer mit WAS-Herausgeber Michael Steiner über ANGST, Thema der aktuellen Nr. 113 (2020).

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