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Objekt des Monats: Jänner 2021

Mittwoch, 16.12.2020

„als die ischler auszogen, die literatur zu erobern…“ (Helmut Schranz)

Druckvorlage für Plakate der Zeitschrift PERSPEKTIVE, 1 Bl., aus dem gangan-Verlagsarchiv am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung.

Bad Ischl in den 1970er Jahren. Ein Dorf, das seine Blütezeit als kaiserlich-königliche Sommerfrische lang hinter sich hatte, wird zum Gründungsort einer bis heute im Grazer Kontext  (neben den Literaturzeitschriften „manuskripte“, „Sterz“, „Lichtungen“ und „Schreibkraft“) agierenden Literaturzeitschrift. Den Start legt eine Gruppe von Jugendlichen des örtlichen Oberstufenrealgymnasiums (Wilfried Gottwald, Alfred Ledersteger, Erika Rinner, Ernst Tipka und Ingrid Windhager), als sie im Frühling 1977 erstmals ein fotokopiertes Heft unter dem Titel „PERSPEKTIVE“ herausgibt. Anfangs stammen die Texte vor allem von den Gruppenmitgliedern selbst. Später können auch „prominentere“ Autorinnen und Autoren wie Gerhard Amanshauser, H. C. Artmann, Wolfgang Bauer oder Friederike Mayröcker gewonnen werden.
Der Schulabschluss der fünf Mitglieder 1982 bedeutet eine Neustrukturierung der Redaktionsgruppe in Graz rund um Alfred Ledersteger und steht symbolisch für die folgenden Jahrzehnte: Die hohe Fluktuation in der Redaktion führt zu ständigen Paradigmenwechseln in der Ausrichtung der Zeitschrift. So nehmen insgesamt 35 Autorinnen und Autoren in der Frühphase als Herausgeberinnen und Herausgeber an dem Projekt teil. Die meisten verlassen die Zeitschrift nach ein bis zwei Jahren wieder, kehren der Literatur den Rücken, gründen Kleinverlage (Horst G. Ganglbauers Verlag „gangan“ 1984 und Dieter Sperls „edition gegensätze“ 1992/93) oder widmen sich anderweitig der Literatur (Martin Ohrts „Jugendliteraturwerkstatt Graz“).
Mitte der 1990er Jahre weichen Literaturpolitisches und Ästhetik mehr und mehr der Idee, der etablierten Avantgarde in Graz eine Gegenposition zu bieten. So beschreibt der Mitherausgeber Horst Gerald Ganglbauer im „editiorial“ von Heft 9 (1983) die „herausgeberische Programmatik“ der Zeitschrift als eine „logische Ergänzung“ bzw. als ein „Gegenstück zu den etablierten“ Zeitschriften „manuskripte“ und „Sterz“. Diese erscheinen als „abgehoben und etabliert […], wogegen man selber sich an ,die‘ basis, also an ,junge‘ autor(inn)en und an ein jung(geblieben)es publikum wende.“
Diesen jungen Autorinnen und Autoren aus Österreich wolle man so eine Plattform für ihre Texte bieten. Möglich wird dies durch das basisdemokratisch agierende Redaktionsteam, den eigenständigen Vertrieb der Hefte sowie das Selbstverständnis der Gruppe, dass „jeder, der mitarbeitet, [auch mit-]bestimmt und veröffentlicht.“ Das gezeigte Gedicht von Werner Poscharnigg (Veröffentlichungen in Heft 8 und 12) auf einem Plakat der PERSPEKTIVE aus den späten 1990er Jahren fasst dies so zusammen:

PERSPEKTIVE

DAS IST:
VERBINDUNGSLINIEN ZIEHEN
ZWISCHEN KÖPFEN,
OHREN ÖFFNEN,
MIT BLICKEN DURCHDRINGEN,
LINIEN ZIEHEN INS KOMMENDE,
IST EXTRAPOLATION HINTER
DEN FLUCHTPUNKT.

IST ABER NICHT:
KAUGUMMIFADEN ZWISCHEN
KINOSESSELN UND DEINER
HAND,
ODER SPEICHELFADEN
ZWISCHEN AUTORITÄT
UND DEINER ZUNGE.

IST ABER
DURCHDRINGEN
ZUM FREIEN,
BUNTGESCHECKTEN
WORT.

Chiara-Teresa Kirschen

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