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Objekt des Monats: März 2021

Dienstag, 23.02.2021

„DAS GEHIRN IST SELBST EIN LABYRINTH“. Gerhard Roth und das „Labirinto Borges“ als Labyrinth im Labyrinth im Labyrinth

Fotografien des „Labirinto Borges“ auf der Insel San Giorgio Maggiore in Venedig © Gerhard Roth aus dem privaten Fotoarchiv des Autors, publ. in: Gerhard Roth: Venedig – Ein Spiegelbild der Menschheit. Hrsg. v. Daniela Bartens und Martin Behr (Brandstätter 2020, S. 283-285)

Das „Labirinto Borges“, das Gerhard Roth aus unterschiedlichen Blickwinkeln mehrfach fotografiert hat, steht nicht in Buenos Aires, sondern auf der Isola San Giorgio Maggiore in Venedig. Es ist ein Doppelgänger jenes Labyrinths, das nach Entwürfen des britischen Diplomaten und späteren Architekten von Gartenlabyrinthen, Randoll Coate, noch zu Lebzeiten von Borges, aber ohne dessen Wissen geplant wurde und auf dem Landgut einer gemeinsamen Freundin in der argentinischen Provinz Mendoza, wo Borges immer wieder zu Gast war, als Denkmal für den Schriftsteller errichtet werden sollte. Das Vorhaben, dessen Geschichte sich wie eine Erzählung von Borges liest und mit Traum, Tod und einem wiederaufgefundenen Brief zu tun hat, konnte schließlich über 20 Jahre nach den ersten Entwürfen doch noch in die Tat umgesetzt werden. 2003 wurde auf der Finca „Los Alamos“ das Urbild jenes Labyrinths eröffnet, dessen Kopie anlässlich des 25. Todestags von Borges 2011 im Garten des Klosters von San Giorgio Maggiore gegenüber dem Markusplatz als Koproduktion der Fondazione Cini und der internationalen Borges-Stiftung eingeweiht wurde. Hatte doch der argentinische Autor zeitlebens ein Faible für die ins Wasser gebaute Stadt mit ihren labyrinthischen Fußwegen und Kanälen gehabt und war immer wieder als Besucher dorthin zurückgekehrt.

Als Labyrinth im Labyrinth wird das „Labirinto Borges“ mit seiner Hommage an die (Gedanken-)Welt von Borges zu einem „Spiegelbild“ jenes Venedig, das wiederum in seinem labyrinthischen Charakter für Roth zum „Spiegelbild der Menschheit“ wird: „Wenn man mit seiner Geburt einen riesigen Irrgarten betritt, in dem man sich bis zum Lebensende aufhält, so ist Venedig für mich ein sichtbarer Teil dieses Labyrinths“, äußert Gerhard Roth im ORF-Interview anlässlich des Erscheinens von „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“ (2017), des ersten Romans seiner Venedig-Trilogie. Und in dem eben erscheinenden letzten Teil der Trilogie, „Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe“ (2021), wird das „Labirinto“ selbst zum Schauplatz, bei dessen Anblick die nach dem unerwarteten Tod ihres Ehemannes in Venedig – selbst ziemlich neben der Spur – auf seinen Spuren wandelnde Lilli angesichts des gespiegelten Namens „BORGES“ die spiegelsymmetrische Anordnung der menschlichen Gehirnhälften assoziiert und zu der Erkenntnis gelangt, „dass die Rätselhaftigkeit die einzig wahre Gewissheit auf Erden ist“ (S. 199).

Und wie der um seine verlorene unerfüllte Liebe Beatriz Elena trauernde Ich-Erzähler namens Borges – im Keller eines Abbruchhauses auf dem Rücken liegend – jenes mystische Erlebnis, das ihm aus dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, dem Aleph, das „unfassliche Universum“ als Schöpfung offenbart, durch eine achtundsiebzigmal „ich sah“ wiederholende Aufzählung zu fassen sucht, holt Roth das Universum mittels essayistischer Passagen über die Museen, Gotteshäuser, Archive und Bibliotheken in die Unterwelt im Oberstübchen der im venezianischen Irrgarten gleichsam metaphorisch auf dem Boden liegenden Protagonisten. Eine Elena und eine Beatrice, nunmehr aufgespaltet auf zwei Figuren, spielen auf diesen Irrfahrten durch die labyrinthischen Gehirnwindungen der Protagonisten ebenso eine Rolle wie zahlreiche Doppelgänger- und Spiegelfiguren, deren Realitätsstatus angesichts des dezentrierten Zustands der Protagonisten fragwürdig erscheint. Chiffrierte, mit ihren Initialen auf das ABC beziehungsweise das Alphabet verweisende Namen – von Aldrian bis Zacchini – tauchen (wie in „Das Aleph“) auf, aber auch Zeichen und Symbole aller Art, die sich zu einem durch und durch labyrinthischen Erzählkosmos fügen, der neben dem Raum auch die Zeit affiziert, bleibt doch – insbesondere im zentralen Mittelteil „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“ (2019) – geradezu systematisch offen, ob es sich um ein extrem zeitdehnendes Halluzinieren von Trauminhalten handelt oder um die Wiedergabe von in der Fiktion realen Erlebnissen. Und auch die von Borges betriebene Spiegelung ins Unendliche mittels mise-en-abyme-Technik – „Ich […] sah im Aleph die Erde und in der Erde abermals das Aleph und im Aleph die Erde“ – findet sich in den ersten beiden Romanen von Roths Venedig-Zyklus, die jeweils Zeitschleifen beschreiben, die den Erzählprozess ins Unendliche perpetuieren. Erst im letzten Band kann die „Akte Leviathan“ – aus Thomas Hobbes’ „Leviathan“ stammt übrigens das zweite Motto von Borges’ „Das Aleph“ – geschlossen werden, die Leichen sind begraben und die realen und imaginären Ungeheuer besiegt – und ein Ausgang aus dem Labyrinth scheint sich anzudeuten.

Daniela Bartens

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Das Fotobuch „Gerhard Roth: Venedig – Ein Spiegelbild der Menschheit. Hrsg. von Daniela Bartens und Martin Behr“ mit ca. 900 Fotografien und begleitenden Originaltexten von Gerhard Roth, einem Essay über die Venedig-Fotografien von Martin Behr und einem Beitrag von Daniela Bartens zu Roths damals im Manuskript bereits abgeschlossener Venedig-Trilogie ist Ende Dezember 2020 im Brandstätter Verlag erschienen. Der dritte und letzte Roman des Zyklus wird am 24.2.2021 unter dem Titel „Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe“ bei S. Fischer erscheinen.

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