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Objekt des Monats: Mai 2019

Mittwoch, 01.05.2019

Aufbewahrungssysteme: Das Zeitalter der Vermappung

In Adalbert Stifters Die Mappe meines Urgroßvaters (vier Fassungen: 1841/42, 1847, 1864, 1867) findet der namenlose Ich-Erzähler der Rahmenhandlung, ein Urenkel des Doctor Augustinus, bei einem Besuch im Elternhaus zufällig ein in einer alten Truhe aufbewahrtes Konvolut, das „eigentlich aus lauter ungebundenen Heften zusammengelegt“ ist. Dieses als Mappe die urgroßväterliche autobiographische „Dichtung des Plunders“ sammelnde disparate innerfiktionale Objekt verbindet materiell „in der überlieferungstauglichen Buchform“, so Carlos Spoerhase in Das Format der Literatur über ein ähnliches Aufbewahrungssystem von Goethe – das jener auch „Brieftasche“ nennt –, das „Knäuel von Papieren“. Stifters Text exemplifiziert, gerade entlang des das Narrativ strukturierenden Mediums Mappe, dass es keinen definitiven Ordnungsvorschlag bzw. keine letztgültige Anordnung des Verwahrten gibt. Dennoch verhindert dieses Medium aufgrund seines materiellen Status die Dispersion der Papiere und damit der Schrift.

Jede „steife gröszere tasche zur aufbewahrung von zeichnungen und schriften“ nennt das Grimm’sche Wörterbuch diesen Gegenstand. Als eine „einfache Hülle aus zwei Pappen, die mit einem Gewebestreifen verbunden sind, zur Aufbewahrung von losen Blättern“ wird die Mappe vom Lexikon des gesamten Buchwesens definiert. Diese Funktion erfüllte z. B. der Buvard als buchähnliche Mappe oder Schreibmappe, die in der Art von Bucheinbänden künstlerisch verziert war; ebenso dienten ihres Inhalts beraubte alte Einbände demselben Zweck der Aufbewahrung. Auch der Begriff „Portfolio“, eine englische Wortbildung aus dem italienischen „portafoglio“ und dem französischen „portefeuille“, bezog sich ursprünglich auf eine Mappe, die lose Blätter sammelt.

Die Frage nach den Technologien des Ablegens durchläuft Ende des 19. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen; sie wird „nicht allein Gegenstand einer neuen Wissenschaft, sondern auch zum wesentlichen Bereich des Handelns, ja Bedingung der Entfaltung und Neuordnung von Geschäfts- und Industrietätigkeit“, so Delphine Gardey in ihrer Studie zum Schreiben, Rechnen, Ablegen. Die Mappe wird in ihrer Form und Funktion ein Massenartikel, der in bürokratischen Sphären als Operator loser Ordnungs- und Aufbewahrungsverfahren eingesetzt wird und diese verarbeitet. Sie ermöglicht z. B. im Kontext des modernen Büros rasches Einordnen sowie auch Umgruppierung des bereits Vorhandenen.

Im Gegensatz zum Exponat in der Vitrine ist das vermappte Objekt nicht einsehbar, muss von BenutzerInnen im Lesesaal des Archivs erst der schützenden Mappe entnommen werden und kann mit der „Entschälung des Gegenstandes aus seiner Hülle“, wie Walter Benjamin formuliert hat, zur „Zertrümmerung der Aura“ des Objekts führen.

Stefan Maurer

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