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Objekt des Monats: Oktober 2019

Donnerstag, 26.09.2019

„Was soll ich mit den Moden?“ Zwei Briefe Doris Mühringers (1972/73)

2 Briefe von Doris Mühringer an Irmgard Beidl-Perfahl, Durchschläge von Ts., 16.12.1972 u. 9.7.1973, je 1 Bl., beids. beschr., Signatur: FNI-Mühringer-10/B1

Doris Mühringers hier wiedergegebene Briefdurchschläge sind Teil eines am Franz-Nabl-Institut archivierten umfangreichen Briefwechsels mit der ihr nahestehenden Autorin Irmgard Beidl-Perfahl (geb. 1921 in Birkfeld, lebt derzeit in St. Florian in Oberösterreich). Beidl-Perfahls Briefe sind für den gesamten Korrespondenzzeitraum von 1958 bis 1997 erhalten, Mühringers Gegenbriefe finden sich als 37 Durchschläge von Typoskripten nur von 1972 bis 1993 im Nachlass.

Die 1921 in Graz geborene Autorin Doris Mühringer entstammte gutbürgerlichen Verhältnissen. Ihre eigentliche schriftstellerische Karriere begann 1954 mit der Veröffentlichung von fünf Gedichten in Weigels Stimmen der Gegenwart. In ihrer ersten Buchveröffentlichung (Gedichte 1957) lassen sich Einflüsse von Hölderlin, Rilke und Trakl erkennen, zeitspezifisch zentral thematisiert wird die zur „condition humaine“ stilisierte „Unbehaustheit“ des Menschen, die mit biblischen Anspielungen unterfütterte Klage über den Verlust von Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit.

Nach einem weitestgehenden Rückzug in einer Phase der intensiven Beschäftigung mit dem Buddhismus von 1960 bis 1966 nahm sie ihre literarische Tätigkeit wieder auf und veröffentlichte 1969 einen zweiten Gedichtband Gedichte II in der Österreichischen Verlagsanstalt. Nun suchte die Autorin nach einem prominenteren Verlag für ihr nächstes Buch, ein Unterfangen, das durch die veränderten Rahmenbedingungen des Literaturbetriebs in den 1970er Jahren erschwert wurde. Über die „Wiener Gruppe“ der 1950er Jahre und die „Grazer Gruppe“ ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre hatte sich bekanntlich ein neues Paradigma sprachkritisch-experimenteller Literatur konstituiert, das eine eher konservativ-traditionalistische Autorengeneration mit herkömmlichen literarästhetischen Auffassungen gehörig unter Druck setzte. Verlagsinteressen, Preisverleihungen, mediale Vermittlung und das Publikumsinteresse hatten sich innerhalb weniger Jahre – nach einigen Rückzugsgefechten der Etablierten – umorientiert. Jene Autoren und Autorinnen, die in der Aufbruchsstimmung der Kreisky-Ära den Hautgout abgestandener Gestrigkeit verströmten, wurden für die literarische Öffentlichkeit zunehmend irrelevant und zogen sich nicht selten verbittert zurück. Von der Generation der nach 1945 zu (unterschiedlicher) Bekanntheit aufgestiegenen Lyriker und Lyrikerinnen waren es nach dem Tod von Celan und Bachmann vor allem Jandl und Mayröcker, welche die erworbene Reputation zu verteidigen oder auszubauen wussten, wobei sich als Bindeglied zwischen diesen vier Literaturikonen eine Problematisierung von Sprache als einem Erkenntnis- und Darstellungsmittel festhalten lässt – eine sprachkritische Grundierung, die bei Doris Mühringer nicht feststellbar ist.
1973 keimt kurzfristig die Hoffnung auf, im renommiertesten deutschen Autorenverlag, bei Suhrkamp, unterzukommen. Zur großen Enttäuschung Mühringers lehnt der Verlag die Publikation letztendlich ab, und so erscheint der Band erst drei Jahre später im Styria-Verlag, in dem dann noch weitere Bände verlegt werden.
Bereits ein halbes Jahr vor der Suhrkamp-Enttäuschung findet sich im Brief an Beidl-Perfahl ein trotziges Bekenntnis zum eingeschlagenen Weg:

Ich entwickle mich – ich glaube wenigstens, ich entwickle mich – auf meiner Linie. Was soll ich mit den Moden? Was an sprachlichen Entdeckungen sich mir sprachlich einverleibt – okay, aber es muß wirklich selbst tätig sein, mir auf natürliche Weise zuwachsen. Alles andere, und wäre es noch so effektvoll und ,in‘, ist doch nur aufgepickt, und der Klebstoff stinkt sofort.

Gerhard Fuchs

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Am Mittwoch, 9.10.2019, findet in der Reihe „Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945“ um 19 Uhr im Literaturhaus Graz eine Veranstaltung zu Doris Mühringers Werkausgabe „Es verirrt sich die Zeit“ (2005) statt.

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