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Objekt des Monats: Februar 2020

Donnerstag, 23.01.2020

DER TIEFE ATEM. Zeitungsausschnitt von Peter Handkes Petrarca-Preisrede auf Alfred Kolleritsch

Peter Handke: DER TIEFE ATEM. Zur Verleihung des Petrarca-Preises an Alfred Kolleritsch. In: Kleine Zeitung vom 13. Juni 1978, S. 3 f. (ERSTABDRUCK).
Später publiziert in: Petrarca-Preis 1975-1979. Privatdruck (Edition Petrarca 1980), Wie die Grazer auszogen, die Literatur zu erobern (dtv 1978) und Das Ende des Flanierens. Sammelband (Suhrkamp 1980).
Der abgebildete Zeitungsausschnitt stammt aus der „Schwarzbauer-Sammlung“ des Franz-Nabl-Instituts, das Ausschnittarchiv wurde 1991 übernommen und seither bis 2016 kontinuierlich ausgebaut.

Am 17. Mai 1978 schrieb Alfred Kolleritsch in einem seiner vielen Briefe an seinen langjährigen engen Freund Peter Handke: „ich freue mich sehr, wenn du zu den gedichten etwas sagst, ich wollte dich nur nicht drängen mit dieser freude. In den nächsten tagen müssen die letzten gedichte noch eintreffen bei dir. ich freue mich schon auf das treffen, obwohl ich mir als so herausgestellter ziemlich schutzlos vorkomme. ich versuche gerade, diesen körper ruhig zu stellen, aber es bleibt so wenig zeit dafür.“ (1)
Alfred Kolleritsch bezieht sich hier auf die am 10. Juni 1978 in Siena bevorstehende Verleihung des von Hubert Burda gestifteten Petrarca-Preises, ihm zuerkannt für seine im Band „Einübung in das Vermeidbare“ (Residenz 1978) versammelten Gedichte. Die Vergabe des Petrarca-Preises fand 1978 zum dritten Mal statt, in der Jury saßen neben Peter Handke die Schriftsteller Nicolas Born und Urs Widmer, der Fluxus-Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock und der Leiter des Hanser-Verlags Michael Krüger.
Die Laudatio zur Preisverleihung hielt Peter Handke, der diese exklusiv der Kleinen Zeitung für den Erstabdruck am 13. Juni 1978 zur Verfügung stellte. Im flankierenden Artikel „Zur Bescherung einer unverhofft lebendigen Zeit“ (siehe Zeitungsausschnitt) beschreibt Ingrid Melzer (spätere Traversa), die ebenfalls von Graz nach Siena angereist war, die intime Stimmung rund um die Verleihung und Michael Krüger erinnerte sich 20 Jahre später: „Im Jahr 1978 trafen wir uns mit dem Preisträger Alfred Kolleritsch in Siena zur festlichen Verleihung: Oskar Pastior kam aus Berlin zur Lesung, Jürgen Becker aus Köln, der Soziologe Reinhard Brandt feierte mit […]. Alfred Kolleritsch, der philosophische Poet aus Graz, der eines der geschlossensten Dichtungswerke dieser Zeit geschrieben hat, wies uns den Weg, und Bazon Brock, der enthusiastische Historiker, stand in der Mitte der muschelförmigen Piazza des Campo und erklärte die Welt, daß uns Augen und Ohren aufgingen.“ (2)
Einmal ins Leben gerufen, wurden die Treffen rund um die Preisverleihungen für den Stifter Hubert Burda und seine Jury zu einem alljährlichen willkommenen Ritual – der Preis durfte und sollte, darauf einigte sich die Runde, nach fünf Jahren doch kein abruptes Ende nehmen: Schließlich wurde der Petrarca-Preis von 1975 bis 1995 und dann wieder von 2010 bis 2014 an zeitgenössische DichterInnen und ÜbersetzerInnen vergeben (von 1999 bis 2009 wurde zwischenzeitlich der Hermann Lenz-Preis in Nachfolge des Petrarca-Preises verliehen).
Ab 1987 wurde Alfred Kolleritsch Jurymitglied des Petrarca-Preises (und zwischenzeitlich des Hermann Lenz-Preises) und somit Teil des engsten Freundeskreises rund um den Stifter Hubert Burda – am 14. Dezember 1986 hatte Peter Handke in einem Brief bei Alfred Kolleritsch angefragt: „Wir wollen den Petrarca-Preis neu auflegen, und Du sollst, mit Peter Hamm, Michael K. [Krüger] und moi Mitglied der Jury sein. Ich hätte dich schon längst fragen sollen aber s.o. Willst Du? Wir werden uns wohl Ende Januar zum Bestimmen desjenigen treffen. Sei einverstanden, und streit ein bißchen mit.“ (6)
In den Jahren 2017, 2018 und 2019 richteten in München die Hubert Burda Stiftung, die Bayerische Akademie der Schönen Künste und das Lyrik Kabinett gemeinsame Sommerfeste in der Tradition des Petrarca-Preises aus, wo Gedichte von ehemaligen Preisträgern gelesen wurden. Zuletzt lasen beim Sommerfest im Juni 2019 im Gedenken an den kärntnerslowenischen Lyriker und Übersetzer Fabjan Hafner (1966-2016; 1990 Petrarca-Übersetzerpreis) Peter Handke, Michael Krüger sowie der mittlerweile verstorbene Peter Hamm letzte Gedichte von Lars Gustafsson (1936-2016) und neue Gedichte von Alfred Kolleritsch. Michael Krüger und Peter Handke hatten ihn im Vorfeld überredet – nach seinem letzten Lyrikband Es gibt den ungeheuren Anderen aus dem Jahr 2013 – wieder Gedichte zu schreiben und zusammenzustellen. Soeben sind diese neuen Gedichte von Alfred Kolleritsch unter dem Titel Die Nacht des Sehens mit einer Nachbemerkung von Michael Krüger in der Edition Petrarca bei Wallstein erschienen.

Elisabeth Loibner

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Hinweis:

Am 5. Februar 2020 um 19 Uhr liest im Literaturhaus Graz Alfred Kolleritsch mit Daniel Doujenis aus Die Nacht des Sehens (Edition Petrarca im Verlag Wallstein, 2020) und Michael Krüger liest aus Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch (Haymon 2019).

1 Peter Handke, Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht (Jung und Jung 2008), S. 113ff.
2 Michael Krüger: Vorwort. In: Isolde Ohlbaum: Im Garten der Dichter. Der Petrarca-Preis (Gina Kehayoff Verlag 1997), S. 6.
6 Peter Handke, Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht, S. 158.

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