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Objekt des Monats: Jänner 2018

Kondolenzbrief Elias Canettis an Ilse Nabl vom 30. Jänner 1974 (Nachlass Franz Nabl)

Elf Tage nach Franz Nabls Tod kondolierte Elias Canetti der Witwe und verlieh seiner Wertschätzung für den Verstorbenen und dessen Werk mit warmen Worten Ausdruck:

Sehr verehrte und liebe Frau Nabl,

Es geht mir sehr nahe, dass Franz Nabl nicht mehr am Leben ist! Wie soll man sich Graz, wie Österreich ohne ihn vorstellen? Ich denke an den letzten Besuch bei Ihnen und bin dankbar dafür, dass ich ihn noch kennen durfte. Wenn ich nach Österreich kam, war es immer mein tiefster Wunsch, ihn wiederzusehen und bei keinem, den ich da erst nach dem Kriege traf, hatte ich das ruhige und sichere Gefühl wie bei ihm: ein grosser Dichter. Er war es in seinem Werk so sehr wie in seinem Schweigen, in seinem Sprechen wie in seiner Schwermut. Er hatte die Vornehmheit, sich einem Jüngern zuzuwenden, ohne sich zu verringern und seine Beachtung empfand man als das Ehrendste, was einem in Österreich geschehen konnte.

Solange es ihn gab, erfüllte es einen mit Stolz, zur Literatur dieses Landes zu gehören. Nun wird es ihn immer geben und wer zu träge war, es zu wissen, wird es jetzt erfahren müssen.

Ihnen, sehr verehrte und liebe Frau Nabl, haben wir anderen es zu verdanken, dass er dieses wunderbar hohe Alter erreicht hat, Ihnen, dass wir ihn besuchen und sehen durften. Ich kann Ihnen meine Teilnahme nicht anders sagen: das Bewusstsein dessen, was Sie für ihn waren, wird Sie in Ihrem Schmerz behüten.

Ihr Elias Canetti

Selbst wenn man das ‚nil nisi bene‘-Gebot solcher Texte in Rechnung stellt, berührt die Intensität dieser Totenklage. Der spätere Nobelpreisträger hatte das Ehepaar Nabl 1965 kennengelernt und war in den folgenden Jahren mehrfach Gast in der Grazer Laimburggasse gewesen. Mit Nabls literarischen Arbeiten war Canetti schon wesentlich früher vertraut, hatte er doch in seinen Jugendjahren mit Bewunderung Nabls Roman Ödhof (1911) und einige Erzählungen gelesen. Die persönliche Begegnung ließ ihn nun eine tiefe Zuneigung für den greisen, beinah vergessenen Dichter fassen, dem erst der Tod wieder etwas größere Aufmerksamkeit bescherte – nicht zuletzt durch das Engagement der Grazer Avantgarde, allen voran Peter Handke, der im Folgejahr einen schmalen Erzählband herausgab und mit dem (durchaus kritischen) Essay Franz Nabls Größe und Kleinlichkeit einleitete.

Wie kommt es, dass ein dezidierter Weltbürger jüdischer Herkunft sich für einen vorgeblichen ‚steirischen Heimatkünstler‘ mit belasteter Vergangenheit begeistern konnte? Mehr noch: Warum gereicht es ihm zur Ehre, wie dieser ein Teil der österreichischen Literatur zu sein?

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