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Objekt des Monats: September 2019

Montag, 19.08.2019

„Ich wurde geboren, ich lebe, ich werde sterben.“ Günter Eichbergers "Materialien zu einem Lebenslauf"

Typoskriptfassung von Günter Eichbergers Materialien zu einem Lebenslauf, seiner ersten Publikation in den „manuskripten“ (1980, H. 67, S. 64f.) mit hs. Dat. „3./4. & 6. November 1979“, 5 Bl., aus dem Teilvorlass des Autors am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, Signatur: FNI-Eichberger-1

„Wenn ich ein Komponist wäre, würde ich es mein op. 1 nennen“, schreibt Günter Eichberger über seine Materialien zu einem Lebenslauf in einer mail mit der Publikationsgenehmigung des Typoskripts von 1979. Der Text des damals erst 20-Jährigen erschien wortgleich in Heft 67 (1980) der Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“. Und wer die strengen Qualitätskriterien von deren Herausgeber, Alfred Kolleritsch, in Erinnerung hat, kann ermessen, dass diese Veröffentlichung einem Ritterschlag gleichkam. Um Aufnahme in den Grazer Dichterolymp beworben hatte sich der junge Eichberger augenzwinkernd – und ganz wie es sich für eine Bewerbung ziemt – mit einem „Lebenslauf“, freilich einem, der den Musenkuss und die damit verbundene Genieästhetik nicht nur ironisch thematisiert, sondern auch gleich belegt, dass die Musen, „neun herzige, liebesbedürftige Mäderln aus Griechenland“, ihren Dichter-Bohemien ausgiebig liebkost haben. Der Text wurde am 16.4.1980 bei einer gemeinsamen Lesung mit Wolfgang Pollanz und Herwig Kaiser im Forum Stadtpark zusammen mit anderen, damals (und teilweise heute) noch unveröffentlichten Texten Eichbergers präsentiert, wofür dem Autor, wie seinerzeit üblich, in drei Grazer Tageszeitungen (von denen zwei heute nicht mehr existieren) ausführlich Anerkennung gezollt wurde, so etwa in der „Neuen Zeit“:

Den gewissermaßen „kulinarischen“ Höhepunkt bildeten schließlich die Hörproben aus Eichbergers Produktion. … Einmal losgelassen, lief der kauzige Eichberger zu souveräner Deklamation seiner Prosa auf, deren wiederkehrendes Thema das Heben eines schier unbegrenzt scheinenden Schatzes an Wortwitz und bizarren Einfällen ist – Alkohol, Weib und Phantasie wäre der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man diese Texte bringen könnte, die auch nirgends ihre literarischen Ahnherren – H. C. Artmann und Wolfi Bauer –verleugnen… (Harald Strobl: Ironie, Besinnung und Witz. Drei junge Autoren lasen im Grazer Forum Stadtpark. In: NZ (Graz) v. 18.4.1980.)

Alle drei Lesungsberichte betonen, dem Textmotto folgend, die rauschhaft-delirierende Sprachlust des Autors und den Spaßfaktor beim Zuhören. Dass Eichbergers maßlose Übertreibungen und satirisch-sprachspielerische Überzeichnungen, das kalauernde Geblödel und die Vexierspiele um die Identität darüber hinaus mit und aus dem Spaß Ernst machen, deutet sich bereits in den frühen Materialien zu einem Lebenslauf an. Werden dort doch die vorgeblichen Biographeme nicht dem Leben selbst entnommen, sondern scheinen als Konfabulationen „spaziergängen durchs cerebrum“ (Gerhard Roth: die autobiografie des albert einstein, 1972) ihres Verfassers zu entstammen, jenem Umschlagplatz zwischen Außen und Innen, Erlebtem und Erfundenem, Möglichem und Undenkbarem. Das wilde Gemisch aus sprachinduzierten Phantasmagorien, Wortspielereien und verdrehten Redewendungen, biografischen Eindrücken, erfundenen, angelesenen und realen Lebensdaten ist gemäß der Gattungsvorgabe auf einer Zeitachse angeordnet und suggeriert eine dichterische Selbstwerdung, die die vorgeblich gelungene Sozialisation mit Lehramtsstudium, Brotberuf als Gymnasiallehrer, Kind und Kegel, vom Ende her Lügen straft, stellt sich doch alles als Produkt der Fantasie des schreibenden Ich heraus:

Wenn ich durch die Straßen gehe, weiß ich, daß die Häuser aus Pappe sind. Einmal werde ich sie umstoßen & mit den Füßen vor mir herrollen.
Es wird ein schöner, ein gelungener Tag sein. (Bl. 5)

Nicht nur das Leben selbst bringt also die Biografie hervor, sondern der Lebenslauf als sprachliche und zeitliche Strukturierung des „Materials“ nimmt umgekehrt Einfluss auf das reale Leben. Gelebt wird, was denkbar und formulierbar ist, und insofern es formuliert wird, verändert es das Leben, denn auch das Schreiben ist Teil des Lebens.

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Daniela Bartens

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