„… ein gänzlich anderes Dasein…“
„Als junges Mädchen hatte sie nach ihrem Tod ein Baum werden wollen, so sehr glaubte sie an die Möglichkeiten der Metamorphose. Sie stellte sich vor, wir sie langsam hinüberwuchs in ein gänzlich anderes Dasein, und sie fragte sich, ob sie dann mit ihrer Rinde oder mir ihrem Wipfel sehen konnte oder ob sie ein völlig anderes Bild der Welt haben würde, durch Sinne vermittelt, die mit Sehen und Hören gar nichts zu tun hatten.“ (Barbara Frischmuth: Die Frau im Mond)
Glauben wir an die, jetzt noch eindringlicher tröstlich wirkenden Aussichten der Metamorphose, an ein Hinüber- oder sogar an ein Hinauswachsen, an ein anderes Dasein und an den völlig anderen Blick, dann finden wir uns wieder im wunderbaren Oeuvre der Barbara Frischmuth, das sich in seiner künstlerischen Wirklichkeitsgestaltung der unentwegten Diagnostik der conditio humana, der herrschenden Verhältnisse und zugleich auch deren Überschreitung, Durchkreuzung, Überwindung verschreibt.
So wie Frischmuths Texte die Originalität der (menschlichen) Körper, die Eindeutigkeit ihrer Lesbarkeit und die Einordenbarkeit in eine starre Ordnung der Dinge immer schon unterwandern, so erzählen die Texte auch die Geschichte des Menschlichen und seines ‚Anderen‘ anders − hochreflexiv, hochpolitisch. Denken wir hier gleich einmal an die Figuren der Lang-Existierenden, jener zur Metamorphose fähigen und vor nicht genau bestimmbarer Zeit in altruistischer Mission in ein kleines alpines Dorf im Ausseerland eingewanderten Protagonist*innen des Romans Die Mystfikationen der Sophie Silber (1976). In diesem berühmten Text, zugleich der erste Band der sogenannten ‚Sternwieser Trilogie‘ (Amy oder Die Metamorphose, 1978; Kai und die Liebe zu den Modellen, 1979), lotet sie die Bedingungen des Mensch-Seins und die Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens im Allgemeinen, in seiner weiblichen* Form im Besonderen literarisch aus und löst dabei nicht nur die Grenzen zwischen Menschen, Feen- und Fabelwesen, zwischen Tieren und Pflanzen auf, sondern erprobt ganz grundsätzlich alternative Wirklichkeiten, macht Zeit und Raum in neuen und unerhörten Dimensionen erfahrbar.
Nicht nur die Texte, auch das Leben der Autorin Barbara Frischmuth, liest sich an vielen Stellen als Überschreitung, als Herausforderung geläufiger Verhältnisse, als Umschrift vorgezeichneter Wege. Denn als eine, die mit Rinde und Wipfel sieht, als eine, die schreibt, als Schriftstellerin, als Autorin im Wortsinn, als eine, die sich schöpferisch der Welt stellt, ist Barbara Frischmuth, an Jahren jung und als Frau bereits früh sich ermächtigend, in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der österreichischen literarischen Landschaft aufgetreten und angetreten mit ihren Texten maßgeblich an der Literaturproduktion des Landes mitzuschreiben – in dieser, bis heute, ganz selbstverständlich anwesend zu sein.
Geboren und aufgewachsen ist sie in Altaussee, diesem wunderschönen kleinen Ort am Altausseer See (ja, auch das Wasser spielt eine bedeutende Rolle im Schreiben der Barbara Frischmuth), dort und fortan auch in Gmunden und Graz besucht sie das Gymnasium, später studiert sie Türkisch und Ungarisch in Graz. Noch als Studierende verlässt sie Österreich, 1960, zum Studium in Richtung Türkei in einer Zeit, als junge Frauen noch sehr selten allein reisten und schon gar nicht unbegleitet im Ausland lebten. Das Leben in der Türkei – ein Widerhall etwa findet sich in ihrem Roman Das Verschwinden des Schattens in der Sonne (1973)– hinterlässt tiefe Spuren: „Diese Stadt, mir wird noch träumen von dieser Stadt,“ verspricht der erste Satz des Romans, und kurz darauf wird die neue und signifikant bilderzeugende Sprachmacht des Türkischen spürbar: „Aber seit ich diese Sprache spreche, die die Seele als einen Vogel sieht, verfolgen mich solche Bilder.“ Die äußerst intime Verbindung zum Land, zur Sprache, zu den Menschen wird in Frischmuths Oeuvre immer fühlbar bleiben und lesbar werden, wie etwa auch in ihren Romanen Woher wir kommen (2012), in Der Sommer, in dem Anna verschwunden war (2004) oder in Die Entschlüsselung (2001), um nur einige zu nennen.
Als Schreibende tritt sie, gerade im Zusammenhang mit ihrer Expertise, die dieser Nähe entspringt, auch in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen hervor und auf, als begehrte Interviewpartnerin ebenso wie als gefragte Analytikerin, gerade oder sogar besonders im Hinblick auf österreichisch-türkische Verhältnisse, wie sie sie auch in ihrem Roman Die Schrift des Freundes (1998) zu zeichnen weiß. Neben dem eindringlichen Plot des Romans, der das Leben einer Wienerin, Anna, und eines Aleviten in Wien, Hikmet, zusammenführt, bestechen auch hier – wie so oft – historisches Wissen, politische Brisanz und sprachliche Finesse. Hikmet wird im Text zum Sehnsuchtsort, zum Kulminations- und Knotenpunkt vielfältiger Begehrensformen und Reflexionsstränge, erzeugt aus einer Begegnung wie aus einer orientalischen Fantasie und geprägt von den Schriftzeichen, die er, Hikmet, der Kalligraph ihr, Anna, bereits näherbringt, als sie das erste Mal aufeinandertreffen – denn: „Einzelne Buchstaben, damit fängt man an.“
Noch während ihres Aufenthalts in der Türkei wird sie zum Gründungsmitglied des Forum Stadtpark, wo sie, als eine der ersten Frauen in einer Männerdomäne – so ist das literarische Feld zu dieser Zeit durchaus beschreibbar – eine gewichtige Rolle einnimmt und so wird auch ihr Name, wie es die Anekdote tradiert – in den Bartresen des legendären Café Stadtpark graviert.
Anfänglich auch noch übersetzerisch tätig – 1967 etwa erscheint als erste Übersetzung aus dem Ungarischen das KZ-Tagebuch der Siebenbürger Jüdin Ana Novac – begründet sie ihre selbstverständliche Anwesenheit in der österreichischen Literatur und deren gleichermaßen sinnliche wie ethische Überschreitung mit einem fulminanten und nachhaltigen Bucherfolg, dem Roman Die Klosterschule (1968). Der Debutroman erregt Aufsehen, erschüttert nicht nur Oberflächen, dringt tief ein in das, was die Gesellschaft im Allgemeinen, die Ordensdoktrin im Besonderen ausmacht, entlarvt überkommene Prüderie, Misogynie, konservative Ordnungsmuster.
Von da an lebt sie als Schriftstellerin – ein Jahr davor, 1966, verlässt sie auch die Universität, um sich ganz auf das Schreiben konzentrieren zu können – und publiziert mit großer Intensität und bemerkenswerter Vielfalt ein breites Spektrum literarischer Genres und immer wieder auch Übersetzungen. Wird sie mit dem Debutroman Die Klosterschule noch im Bereich des Sprachexperiments verortet, so sperrt sich nach diesem die Vielfalt des Oeuvres der einfachen Klassifikation. Sie verfolgt hier eigensinnig, um nicht zu sagen stur, ihren ganz besonderen Weg in unbekannte Terrains.
Mittlerweile auch Mutter eines Sohns – wir befinden uns in den 1970er-Jahren − und eine Weile auf einem Gestüt in der Nähe Wiens lebend, erschreibt sie sich und uns faszinierende und geheimnisvolle Zauberwelten, angesiedelt zwischen Altaussee und Wien, geschrieben in einer Sprache, die es immer auch neu zu erfinden gilt. Denn Barbara Frischmuths Texte sprechen niemals nur eine Sprache, sie sind, wenn man so will, ‚verrückt‘ im Sinne der Verrückung und Verschiebung von Bedeutung, der Auslotung der Räume, die die Sprache zur Verfügung stellt. Die inhärente Mehrsprachigkeit der Texte findet auf vielen Ebenen statt, die Übersetzung ist immer auch die Übersetzung, Weiterentwicklung oder Neuformung der eigenen Sprache, ist, mehr noch, Übersetzung zwischen Kulturen, Denktraditionen, Nationen, politischen, kulturellen und geschlechtlichen Identitäten, zwischen Texten, in denen dieses kulturelle, politische, soziale Wissen aufgehoben ist und die dieses Wissen herstellen.
Auf spielerische und kluge Weise erfolgt dieser poetisch, philosophisch, historische Prozess etwa auch in dem wunderbaren Roman Die Entschlüsselung (2001), den Bodo Hell einmal als topografisch-ironisches Meisterwerk bezeichnet hat. Ort des Geschehens ist Altaussee, wo Barbara Frischmuth seit Ende der 1990er-Jahre auch wieder lebt. Nach Jahrzehnten in Wien und vielen unternommenen Reisen weltweit kehrt sie zurück an den Ort der Kindheit, um von dort die österreichische Literatur mit beinahe jährlich erscheinenden Texten zu bereichern.
Mit der sogenannten ‚Demeter Trilogie‘ (Herrin der Tiere, 1986; Über die Verhältnisse, 1987; Einander Kind, 1990) lotet sie Generationen-, Familien- und Freundschaftskonstellationen aus, der Roman Vergiss Ägypten (2008) erkundet die Ambivalenzen (post-)kolonialer gesellschaftlicher Lagen und Verhältnisse, die Romane Woher wir kommen (2012) und Verschüttete Milch (2019) führen zurück an die Orte und Liaisonen der Herkunft und durchleuchten Abgründe, Unerklärliches und Verlorenheiten der Kindheit. Mit dem Erzählband Dein Schatten tanzt in der Küche (2021) widmet sie sich, wieder einmal, Frauenschicksalen− hier fünf Versuchen voll von Tragik und Behauptungswillen, von Reflexionen auf das Alter und den Tod. Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter (2025), ihr letzter Erzählband, handelt erneut von erstaunlichen Mischwesen, hier zwischen Insekt und Mensch, denen die Gabe zukommt, mit Menschen zu kommunizieren, um gemeinsam am besseren Gleichgewicht der Welten zu arbeiten – ein formidabler, spielerischer Text als fundamentale Kritik am Anthropozän und auch, in gewisser Weise, in Relation zu verstehen mit ihrem Essay Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen (2021).
Tatsächlich mäandern rund um die größeren Prosaprojekte Essays, Märchen, Lesestücke, Kinderbücher, Hörspiele, Poetikvorlesungen, und nicht zuletzt die humorvollen und äußerst kundigen Gartenbücher, selbst Durchkreuzungen, literarisch-essayistische Mischformen. Auch in diesen Texten verführt sie uns dazu, ganz genau hinzusehen, einzutauchen in einen schriftgewordenen hortologischen Kosmos: „Ein vom Sturm geknickter Ast der Rose ‚Hero‘, voller von der Kälte geröteter Knospen, mit den letzten weißen Cosmeen“.
Barbara Frischmuth hat den Traum von der selbstverständlichen Anwesenheit der Frauen in der Literatur nicht nur geträumt, sondern verwirklicht. Dabei hat sie uns Teil haben lassen an einem gänzlich anderen Dasein, einem literarischen Kosmos, der uns ermöglicht hat, hinübergewachsen, mit anderen Augen, mit Rinde und Wipfel, zu sehen, zu hören … wie durch Sinne vermittelt, die mit Sehen und Hören gar nichts zu tun haben ⎯ über den Tod hinaus.
Anna Babka
Der Nachlass von Barbara Frischmuth befindet sich zum größten Teil im Archiv des Franz-Nabl-Instituts. Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Anna Babka, das „Digitale Archiv Barbara Frischmuth“, sowie „Literar-biographische Erkundungen“ werden gegenwärtig auf der Grundlage dieser Nachlassmaterialien durchgeführt.