„Ich glaube eigentlich fast[,] daß ich England liebe […]"1
Barbara Frischmuths England-Tagebuch aus dem Jahr 1957
Notizbuch 15x16,5cm mit Häuser-Motiv „England 1957“ [Tagebuch England-Reise], dat. 30.7.-10.9.1957, 79 Bl., davon 34 Bl. beschr., Original, hs., beids. beschr. [mit eh. Zeichnungen, eingeklebten Eintrittskarten, Fotografien u. Postkarten] [eing. am 8.9.2025], FNI-Frischmuth-3.0.1.
So nun wäre ich eigentlich vorderhand am Ziel, das heißt in Huddersfield. Nach sechsunddreißigstündiger Fahrt durch Deutschland, Frankreich, über den Ärmelkanal und durch halb England. Die Reise war wundervoll.2
So beginnt Barbara Frischmuth ihren Tagebucheintrag am 30. Juli 1957, dem Tag, an dem sie Huddersfield in Yorkshire erreicht. Doch warum landet die erst 16-jährige Barbara Frischmuth alleine in dieser mittelgroßen englischen Stadt, die in der Mitte zwischen London und Edinburgh bzw. Manchester und Leeds liegt? Die Antwort lässt sich in der detailreichen Biographie von Hans Haider nachlesen: Die junge Barbara wurde von ihrer Mutter dorthin geschickt, um sechs Wochen bei Mr. und Mrs. Toug, der Familie des besten Freundes ihres verstorbenen Vaters, zu verbringen.3 Auf den folgenden 58 Seiten beschreibt sie anhand von Tagebucheinträgen, die vom 30. Juli bis zum 10. September 1957 reichen, ihren Sommer in England.
Dieser beginnt mit der Ankunft in England, wo sie nach der Schiffsüberfahrt mit einstündiger Verspätung („Da sieht man, daß das nicht nur die ÖBB kann.“4) in der Victoria Station in London ankommt. Dort wird sie von Mr. Toug abgeholt und sie fahren mit dem Auto nach Huddersfield, eine damals mindestens sechsstündige Autofahrt. Dabei passieren sie den Hyde Park, die Residenzen von Henry VIII. und den Buckingham Palace, wo gerade die berühmte „Gardenparty“5 zu Ende geht und Prominenz versammelt ist, deren Garderobe Barbara Frischmuth als „teils shocking“6 beschreibt. Sie durchqueren die vielen Vororte von London, die sich durch Ziegelhäuschen mit vielen kleinen Rauchfängen und Rosengärten auszeichnen und begeben sich auf die breiten Landstraßen Englands, die von Weizenfeldern und Weiden voller Schafe umgeben sind. Sie schreibt: „Wir brausten mit 100 bis 130 Stkm [!] durch diese liebliche Gegend […].“7 Auf den letzten Kilometern durch die Dunkelheit schläft Barbara Frischmuth ein und wacht erst kurz vor Huddersfield auf, wo sie schon von Mrs. Toug erwartet wird und die lange Reise endlich ein Ende nimmt.8 So kann der Sommer in England beginnen.
Und dies bedeutet, am Morgen gleich einmal den „first tea“9 serviert zu bekommen und mit Mrs. Toug „shopping“10 zu gehen. Die Wohnung von Mr. und Mrs. Toug liegt direkt in der Innenstadt von Huddersfield (Volkszählung 1961: 130.652 Einwohner11) neben der St. Peter’s Parish Church12.13
In den ersten Tagen lernt Barbara Frischmuth dann Leslie, ein gleichaltriges Mädchen und eine „typische Engländerin“14, kennen und geht das erste Mal Golf spielen und ins Kino. Dort sieht sie Carry on Admiral (siehe Abb. 1) und Kill me tomorrow (siehe Abb. 2), ist „awfully frightened“15 und meint, dass diese Filme in Österreich sicherlich verboten wären. Sie lernt auch die Umgebung von Huddersfield kennen und macht Ausflüge nach Harrogate, Leeds, Halifax und Wakefield, wo sie sich mit ihrer neuen Freundin Leslie eine „Agricultural Show“16 ansieht und am Abend ein Kriminalspiel im Theater, für das die Engländer:innen laut Barbara Frischmuth „eine ganz besondere Vorliebe zu haben“17 scheinen. „Im Kino, im Theater, im Fernsehen, ein Verbrechen jagt das andere, ein Mord den anderen.“18 Am 5. August erlebt sie dann den ersten Regentag in England, der sie einlädt, über ihre Gefühle zu schreiben, denn in ihrem Inneren spürt sie eine gewisse Veränderung:
Ich möchte schaffen, irgendetwas großes [!] leisten, aber ich bin noch nicht fähig dazu. Ich kann momentan nur aufnehmen, aber nichts von mir geben. Aber später einmal, ich weiß[,] es wird der Tag kommen[,] an dem ich frei von jeglichem Hindernis etwas Großes schaffen kann, wenn Gott es will.19
Nach dieser Vorahnung kommt eine Liebeserklärung an ihre neue Heimat, die sie erst seit einer Woche kennt:
Ich glaube eigentlich fast[,] daß ich England liebe, ich kann nicht genau sagen[,] was ich an England besonders liebe, ich weiß nur daß ich mich hier zu Hause fühle, daß ich stundenlang durch die Wiesen und Wälder wandern möchte, über die kleinen Steinmauern, vorbei an den entzückenden Häusern u. Gärten mit den vielen Rosen bis ans Meer.20
Barbara Frischmuth macht sich danach noch mehr Gedanken über sich selbst:
Ich bin glücklich[,] obwohl ich innerlich einsam bin, aber bis jetzt war ein Teil von mir immer einsam und ich glaube[,] er wird es auch bleiben, denn wenn ich auch zehnmal verliebt bin[,] ich werde es nie übers Herz bringen[,] mein innerstes Selbst aufzugeben und ein Teil einer anderen Seele zu werden[,] u. deshalb werde ich wohl immer einsam sein!21
Der Tagebucheintrag vom 7. August, der gleich darauf folgt und nur aus einem Satz besteht („Ich fühle, ich beginne[,] ich selbst zu werden!“22) zeugt von einer Überwindung des Gefühlschaos der letzten Tage. Er ist jedoch von Barbara Frischmuth durchgestrichen. Danach geht es mit der Beschreibung von Erlebnissen weiter. Barbara Frischmuth besucht York – eine „der schönsten u. ältesten Städte Englands“23 –, geht mit einem Yorkshire „Jüngling“24 spazieren und verbringt ein Wochenende in Liverpool.25 Dort sieht sie zum ersten Mal einen großen Ozeanhafen und „schrecklich viele Matrosen u. muß sagen[,] sie gefielen mir sehr gut“26. Zurückgekommen in Huddersfield darf natürlich ein Kinobesuch nicht fehlen (From Here to Eternity (siehe Abb. 10) und Cockleshell Heroes (siehe Abb. 11)). Es ist nun schon Mitte August und Barbara Frischmuth besucht weitere Städte wie Blackpool, das für seine märchenhafte Beleuchtung von Gebäuden berühmt ist, Wetherby, um sich Rennpferde anzusehen, und Harrogate, wo sie und Mr. Toug mit dem reichen Besitzer jener Pferde zu Mittag essen.27 Danach steht wieder ein Kinobesuch auf dem Programm und Barbara Frischmuth sieht den berühmten Film Island in the Sun (siehe Abb. 12) mit Harry Belafonte („Ich weiß nicht, ob ich ihn hasse od. verehre!“28). Die nächsten drei Wochen ist sie dann mit Mr. Toug alleine, denn Mrs. Toug, die sie über ihre Zeit in England hinweg immer wieder mit neuem Gewand verwöhnt, fliegt nach Mallorca. So verbringt Barbara Frischmuth ein paar Tage in Scarborough29 bei Leslies Mutter, Schwester und Großmutter. Sie vergnügt sich mit Leslie bei verschiedenen Shows im Peasholmpark und auf dem Vergnügungsdampfer Coronia und geht in der eisigen Nordsee baden. Am 24. August sieht sie im Freilichttheater vor Ort das Weiße Rößl in englischer Fassung und empfindet die Trachten als „haarsträubend“30. Gegen Ende des Tagebuchs werden die Abstände zwischen den einzelnen Einträgen immer größer und Barbara Frischmuth genießt noch die letzten Wochen mit Ausflügen an die Ostküste Englands (z.B. Whitby) und gemütlichen Tagen zu Hause in Huddersfield mit Stricken und Fernsehen.31 Der letzte Eintrag stammt vom 10. September32, dann beendet sie ihre Tagebucheinträge mit folgendem Satz: „Eigentlich freue ich mich schon sehr auf Altaussee und die Schule.“33 Das englische Sommermärchen ist somit zu Ende.
Paul Taglieber
Anhang:
Barbara Frischmuth ging in den sechs Wochen sehr viel ins Kino und Theater. Am Ende des Notizbuches (Bl. 77 u. 78) listet sie akribisch alle gesehenen Titel auf.
Die Filmplakate im Anhang mögen einen ersten Eindruck der 18 Filme geben.
1Notizbuch „England 1957“, S. 17.
2NB, S. 3.
3Vgl. Hans Haider: Barbara Frischmuth, Eine Biographie. In: Barbara Frischmuth. Hrsg. v. Kurt Bartsch. Graz/Wien: Droschl 1992. (= Dossier. 4.) S. 151-162, hier S. 154.
4NB, S. 7.
5Ebda.
6NB, S. 8.
7NB, S. 9.
8Vgl. NB, S. 3-10.
9NB, S. 10.
10Ebda.
11Vgl. Wikipedia: Huddersfield [letzter Zugriff am 11.2.2026]
12Vgl. Google Maps: St. Peter‘s Parish Church Huddersfield [letzter Zugriff am: 11.2.2026]
13Vgl. NB, S. 10 u. 16 [Zeichnung der Kirche v. B. F.]
14NB, S. 11.
15NB, S. 13.
16NB, S. 15.
17Ebda.
18Ebda.
19NB, S. 17.
20NB, S. 17f.
21NB, S. 18f.
22NB, S. 19.
23Ebda.
24NB, S. 24.
25Vgl. NB, S. 19-33.
26NB, S. 30 u. vgl. S. 33 [Zeichnung eines Matrosen v. B. F.]
27Vgl. NB, S. 34-39.
28NB, S. 40.
29Vgl. NB, S. 43-53.
30NB, S. 49.
31Vgl. NB, S. 53-56.
32Vgl. NB, S. 56-58.
33NB, S. 58.