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Objekt des Monats: Dezember 2020

Mittwoch, 18.11.2020

Ödön von Horváth: Impfschein (1914)

Im Herbst 1913 übersiedelte der damals elf Jahre alte Ödön von Horváth (1901–1938) von Budapest zu seinen Eltern nach München, wo sein Vater bereits seit 1909 als Fachberichterstatter des königlich-ungarischen Handelsministerium im Auslande für Süddeutschland bestellt war. Der junge Ödön trat in die 3. Klasse des K. Wilhelmsgymnasium in der Münchener Thierschstraße ein. Zum Ende dieses Schuljahres konnte er schließlich vorweisen, was alle seiner Kommilitonen dem Reichsgesetz von 1874 gemäß vorzuweisen hatten: eine erfolgreiche, staatlich beglaubigte Immunisierung gegen die Pocken.

Tatsächlich hatte das damals noch recht junge Deutsche Reich bereits 1874 eine allgemeine Pocken-Impfpflicht eingeführt. In einzelnen Ländern des Reiches galt diese bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts; das Königreich Bayern war überhaupt historisch das erste Land, das 1807 eine verbriefte Impfpflicht gegen die Pocken eingeführt hatte. „Eltern, Pflegeeltern und Vormünder, deren Kinder oder Pflegebefohlene ohne gesetzlichen Grund und trotz erfolgter amtlicher Aufforderung der Impfung oder der ihr folgenden Gestellung entzogen geblieben sind, haben Geldstrafe oder Haft verwirkt“, so die Ausführungen auf dem Impfschein weiter. 20 Mark Geldstrafe drohte das Impfgesetz den Erziehungsberechtigten an, die den Nachweis nicht führen konnten; 50 Mark oder 3 Tage Haft denen, die ihre Kinder absichtlich der Impfung oder ihrer Überprüfung entziehen wollten (Impfgesetz vom 8. April 1874, § 14). Diese Regelung wurde teilweise rigide exekutiert, polizeiliche Vorführungen von Kindern impfunwilliger Eltern waren keine Seltenheit. Ödön von Horváth war also spät dran mit seiner Impfung, wurde er doch bereits im Jahr 1913 zwölf Jahre alt. Was ihn bzw. seine Eltern vor Strafe bewahrt haben dürfte, war zum einen die gehobene Stellung seiner Eltern; und zum anderen der Umstand, dass er Staatsbürger der österreichisch-ungarischen Monarchie war, die eine vergleichbare Impfpflicht nicht kannte.

Martin Vejvar

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