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Objekt des Monats: März 2019

Donnerstag, 21.03.2019

Treffen sich zwei oder: Archivalie sticht Erwartung

Fotografie m. hs. Beschriftung „Mit Ilse Aichinger 1977“, Stempel „Foto: Moses“, sw, aus dem Vorlass von Barbara Frischmuth am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung

Müsste man die Sekundärliteratur zur Altausseer Autorin Barbara Frischmuth gemäß ihrem Inhalt in einigen wenigen Schlagworten zusammenfassen, könnten die folgenden prototypisch für die Beschäftigung von Forscher_innen mit ihrem Werk stehen: Mystik, Traum, Integration/Migration, Orient/Okzident, (weibliche) Identitätsentwürfe. Es ist kein Charakteristikum für die Erforschung des Werks der 1941 geborenen Schriftstellerin, sondern ein Paradigma der Literaturwissenschaft, dass die Analyse von Geschriebenem personenspezifisch konstant um die immer gleichen Themengebiete kreist. Ein Umstand, der – je nach Blickwinkel – der Arbeitserleichterung zugeschrieben werden kann oder aber der Erstellung eines Orientierungssystems, das – als übergeordneter Forschungsauftrag verstanden – immer wiederkehrende Themengebiete Wegmarkierungen gleich dem Werk einschreibt und somit primär Verständnishilfe für Leser_innen ist. Die Arbeit am Text unter Berücksichtigung von Vorlassmaterialien bildet diesbezüglich auf den ersten Blick keine Ausnahme: Was man sucht, ist, was man schreibt, und umgekehrt. In Bezug auf Barbara Frischmuth wären das Traumspuren in den Notizen zu ihrer Münchner-Poetikvorlesung, Überlegungen zum Wandel im Briefverkehr mit Autoren-Kolleg_innen oder aber Dokumente, die von der frühen Hereinnahme vom Fremden ins Eigene zeugen. Auf den zweiten oder dritten Blick ist der Bestand in Archiven aber immer wieder „Wundertüte“, der den Blick auf das Schreiben eines/r Autors/in verändern respektive erweitern kann.
Im vorliegenden Fall ist es eine Fotografie von Stefan Moses, die ein Zusammentreffen von Barbara Frischmuth mit Ilse Aichinger im Rahmen eines Verlagsfestes in Salzburg 1977 zeigt. Barbara Frischmuths Roman „Amy oder Die Metamorphose“ – zweiter Teil ihrer Sternwieser-Trilogie – sollte im Jahr darauf erscheinen, ebenso wie Aichingers Erzählband „Meine Sprache und ich“. Die Archivalie, die die beiden Frauen entspannt, mitunter lachend, während eines Gesprächs etwas außerhalb des fotografischen Rahmens wahrnehmend, zeigt, wirft Fragen auf wie: Gab es eine Freundschaft, engere Bekanntschaft zwischen den beiden Schriftstellerinnen? Ist die Nähe, die sich in der Fotografie zeigt, auch in Texten der beiden ablesbar – etwa inhaltlich oder im Verwenden von Sprache, ihrer Funktion?
Archivalie sticht Erwartung: sie lässt bis dato ungedachte schriftstellerische Verbindungen entstehen, über sie nachdenken. Zu verdanken ist sie – die Archivalie – dem großen deutschen Fotografen Stefan Moses, dem Chronisten der Nachkriegsgesellschaft, dem – nach Eigendefinition – Menschenfotografen, der 2018 in München verstorben ist. Dem Mann, der es – wie seine Frau Else Bechteler-Moses meint – schaffte, die Leute vergessen zu lassen, dass sie fotografiert werden, und sie so als sie selbst im Moment festhalten konnte. Zu verdanken ist diese Erwartungsübertreffung aber letztlich den Autorinnen selbst, ihrem Schreiben, als den eigentlichen „Wundertüten“.

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