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Objekt des Monats: November 2020

Montag, 19.10.2020

Reinhard P. Gruber: NACHRUF auf Josef Krainer

Reinhard P. Gruber: NACHRUF auf Josef Krainer. Hs., Dat. 6.12.1971, unpag., 1 Bl. [recto und verso] sowie Ts. m. hs. Erg., 3 Bl., aus dem Vorlass von Reinhard P. Gruber am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, Signatur: FNI-Gruber-W1.1.1.2 [Original-Hs.] bzw. W1.2.1.1.1. [Original-Ts.]

Reinhard P. Gruber, der 1970 in den „manuskripten“ (H. 29/30) mit einem Teil der späteren Buchveröffentlichung alles über windmühlen erstmals vertreten war, publizierte ein Jahr später (H. 33) unter dem Titel STEIRER. geografische literatur den ironiegetränkten Essay über das Steirertum, der mit einigen Abänderungen den Prolog für den 1973 erschienenen Roman Aus dem Leben Hödlmosers bilden sollte. Der dritte und der vierte der sechs „excurse“ innerhalb des ersten Teils „zur steiermark als voraussetzung des steirers“ beziehen sich auf den „landesvater“ Josef Krainer, der zur Inkarnation und zum Paradigma des steirischen Wesens schlechthin modelliert erscheint: „wer wissen will, was die steiermark ist, soll sich mit KRAINER unterhalten“. Kurz nach dem Erscheinen des „manuskripte“-Hefts wurde diese Bezugnahme allerdings durch den überraschenden Tod von Krainer, der am 28.11.1971 bei einem Jagdausflug einem Herzinfarkt erlag, verunmöglicht. Noch unter dem Eindruck des plötzlichen Verschwindens dieser kollektiven Projektionsfigur verfasste Gruber am 6.12. eine erste handschriftliche Fassung eines NACHRUFS, die dann in ein (undatiertes) Typoskript übertragen wurde. Der Text gehört zwar zum Hödlmoser-Komplex, wurde aber in die Buchfassung nicht aufgenommen, obwohl er mit relevanten Assoziationsräumen spielt.
Den Anstoß und intertextuellen Fluchtpunkt für den NACHRUF bildete wohl eine in der „Südost-Tagespost“ v. 2.12.1971 unter dem Titel Ein Landesvater und Staatsmann. „Er war unser aller Freund“ auszugsweise abgedruckte Rede des Präsidenten Hanns Koren anlässlich der Trauersitzung des Landtags, in der dieser nachdrücklich auf die Personifizierung der Steiermark durch den Verstorbenen verwiesen hatte: „Die Steiermark hat den Träger des höchsten Amtes und der größten Verantwortung verloren. Eine Verkörperung des Landes: in seiner Erscheinung, in seinem Gehaben, mit allen menschlichen Zügen ist von uns genommen worden. Ein Stück Fleisch und Blut gewordene Steiermark ist dahin.“
In der literarischen Verarbeitung bedient sich Gruber des terminologischen Bestecks der Rede und interpretiert die dort apostrophierte Einfachheit („Schlichtheit seines Lebensstils“) als Bodenhaftung. Der Tod Krainers sei ein zufällig erfolgter Zerfall, eine Rückkehr zum Boden, in den Boden, eine „totale bodenidentifikation“, die den räumlichen Status der Steiermark nachhaltig verändere. Diese sei keine „steiermark“ mehr, sondern nur noch ein „steirerland“, die/das durch Krainer verkörperte Mark sei zum Boden geworden, damit habe auch der „steirische mensch“ seine „märkische auszeichnung“ verloren. „WAS BLEIBT IST DAS LAND / ein land wie jedes andere: herz- und marklos.“ Definiert ist „mark“ in diesem Zusammenhang nur nebenbei als territoriale Grenzregion, sondern vor allem organisch: als Binde- und Stammzellengewebe, das der Blutbildung dient. Das anzitierte Phantasma eines „Übersteirers“, aus dem jenes landschaftliche Blut quillt, das den Boden düngt, der gleichzeitig die Voraussetzung für Identitätsbildung darstellt, ist natürlich eine polemischer Wendung gegen die NS-Konzepte der Quasi-Naturalisierung eines unauflösbaren In- und Miteinander von „Blut und Boden“. Nach dem Tod des personifizierten Inbegriffs des „Steirischen“ bleibt zwar die Hülle der „steirischen landschaftsidentifikation“, die das regionale Spezifikum von außen auch für den Nichtsteirer erkennbar mache, es fehle ihm aber der „MÄRKISCHE UNTERSCHIED“, der „die steiermark vor jedem nichtsteirischen land ausgezeichnet hat“. Wenn diesem quasi entseelten Blubo-Konzept von Identität die lebendige personale Verkörperung abhanden kommt, ist der zentrale Kulminationspunkt der Inszenierung von vorgeblicher Echtheit und Natürlichkeit weggebrochen, bedauerlich für jene, die „Heimat als Territorium behaupten und im Mythos bewahren“ (Daniela Bartens).
Gruber offeriert dann in seinem „Steirer“-Intro für die Blitzlichter auf die vermittels Ereignisbericht, Dialog und pseudo-szientifischen Kommentaren umgesetzten lebensgeschichtlichen „Hödlmoser“-Anekdoten formale Begründungszusammenhänge, die als pseudokausale Ableitung über leere Begriffshülsen gespannt werden. Durch Übertreibung, verstärkende Wiederholung und Schwarz-Weiß-Technik wird dabei der Vorstellungsinhalt so ausgedünnt, dass etwa bei den Adjektiven „herrlich“ oder „natürlich“ nur noch die Wertzuschreibung als solche ersichtlich wird, wobei die Argumentationslogik zudem mit einer abenteuerlichen Mischung aus syllogistischen (Fehl-)Schlüssen operiert. Das Steirertum in all seiner durch Klassifikationsmodelle rubrizierten Vielfalt präsentiert sich als Einfalt, als sinnentleerte Phrase am Ende aller definitorischen Anstrengung. Im NACHRUF auf Josef Krainer wird der Tod der Symbolfigur nur vorgeblich als Verlust von Authentizität und personaler Beglaubigung von landschaftsbezogenen Identitätskonzeptionen beklagt, die Konstrukte selbst werden in ihrer Lächerlichkeit und Künstlichkeit ausgestellt.

Gerhard Fuchs

Am 5.11.2020 um 19 Uhr liest Reinhard P. Gruber im Literaturhaus aus seinem neuesten Buch „Anders Denken“. Moderation dieser Lesung mit Gespräch: Anton Thuswaldner.

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