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Objekt des Monats: Oktober 2020

Mittwoch, 30.09.2020

Entwurf der Marginalie Alfred Kolleritschs für die "manuskripte"-Nummer 27 (1969).

„Wir revoltieren hier gegen die Situation: setzen dem dokt[r]inären Klembim keinen Dokt[r]inären Klimbim gegenüber.“

Das Objekt zeigt den Entwurf des in Heft 27 erschienenen Kommentars Kolleritschs. Wohl in Eile und nur für die persönliche Lektüre bestimmt, notierte er seine Gedanken in einen Tages-Stunden-Vormerk-Kalender (der Firma Hornig) im DIN-A5- Format aus dem Jahr 1969. Die jeweils rechte Seite ist für einen Wochentag vorgesehen und bietet eigentlich die Möglichkeit für Termin-Eintragungen von 8 bis 19.30 Uhr. Diesen Platz nutzte Kolleritsch gerne für seine Notizen, die sich bei vorliegendem Entwurf über acht Seiten vom 21. Jänner bis zum 1. Februar erstrecken. Der gedrängte Duktus der Handschrift, viele Verschleifungen, vor allem im Auslaut, Kontraktionen, fehlende Markierungen der Umlaute sowie teilweise stenographische Kürzel und Streichungen erschweren die Lektüre, wenngleich sie gleichzeitig einen Einblick in Kolleritschs Arbeitsweise gewähren. Nur wenige Passagen des Entwurfs ließ er in der endgültigen Fassung seiner Marginalie unberücksichtigt; zumeist änderte er nur einzelne Wörter oder Formulierungen. Die präzise Ausformulierung der Gedankengänge überrascht für eine Entwurfsstufe, lediglich die beiden letzten Seiten des Texts weisen zahlreiche Verschiebungen, Einfügungen und Streichungen auf. Einige davon dürften zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt sein, da Kolleritsch zwei distinkte Stifte verwendete. Bei der Einfügung am Ende der Seite vom 31. Jänner ist beispielsweise erkennbar, dass das Wort „außerhalb“ nur mehr auf das Papier gedrückt wurde, die Mine also keine Farbe mehr abgegeben hat – mitsamt ‚Schreibproben‘ auf der sonst leer gelassenen linken Seite. Die Transkription wurde graphemgenau angefertigt und verzichtet gemäß editorischen Standards auf eine unmarkierte Emendation oder die Markierung von Fehlern im Text.

Im Jahr 1969 entbrannte in den Heften 25 bis 27 der manuskripte eine Diskussion um die gesellschaftliche Funktion von Kunst und Literatur. Angeheizt von der in diesen Bereichen immer stärker um sich greifenden Politisierung, insbesondere in der BRD und im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung, entfachte sich die Debatte um ästhetische und moralische Werte, die in der Geschichte der manuskripte einmalig bleiben sollte. Heft 27 bildet den Endpunkt der Auseinandersetzung, zu einem vollständigen Bruch führte die kurzfristige Kontroverse keineswegs, vielmehr publizierte Kolleritsch, der einen betont offenen Literaturbegriff vertrat, auch weiterhin Texte, die der Gesinnung von Scharang, Jelinek und Zobl entsprachen. Die beiden ersteren waren auch in weiterer Folge regelmäßig mit Texten in den manuskripten vertreten, Jelinek blieb bis heute eine treue Beiträgerin. Auch wenn Kolleritsch eine klarere Positionierung in dieser Kontroverse gemieden hatte, nahm er nicht zuletzt durch die Auswahl der publizierten Texte immer wieder politisch Stellung und wurde bis zuletzt nicht müde, gegen Faschismus, Konservatismus und rechte Gruppierungen anzukämpfen.

Lisa Erlenbusch

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