Das Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung der Universität Graz hat den Nachlass des am 19.5.2023 in Graz verstorbenen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Dževad Karahasan erworben.
Karahasan war ein Schriftsteller von europäischem Rang. Er wurde am 25.1.1953 in Bosnien geboren und hat ab 1986 an der Universität Sarajevo Literatur- und Theaterwissenschaft unterrichtet. 1993 floh er aus der belagerten Stadt und war als Gastdozent an verschiedenen europäischen Universitäten tätig.
1997 kam der Autor als Stadtschreiber nach Graz, wo er bis zu seinem Tod die eine Hälfte des Jahres gelebt hat und fixer Bestandteil des literarischen Lebens der Stadt war, während er die restliche Zeit in Sarajevo verbracht hat. Neben zahlreichen fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen hat Karahasan ein äußerst umfangreiches und vielfältiges literarisches Werk hervorgebracht. Neben vielgespielten Theaterstücken umfasst es eine Reihe weithin wahrgenommener Essays, die Karahasan zuletzt meist auf Deutsch verfasste. Hervorzuheben sind die Bände „Tagebuch der Aussiedlung“ (1993), der in Graz verlegte Sammelband „Poetik der Grenze“ (2003) sowie „Die Schatten der Städte“ (2010).
Auch in seinen Erzählungen, gesammelt unter anderem in dem Band „Berichte aus der dunklen Welt“ (2007), entwirft Karahasan ein Bild des Balkans, das den Hass, der sich dort entladen hat, nicht leugnet, aber immer wieder Möglichkeiten der Versöhnung und des friedlichen Miteinanders entwirft. Eine Tendenz zur breit angelegten epischen Erzählung, die ein Gespräch zwischen Autor und Leser ermöglicht, zeichnen in besonderer Weise auch die großen Romane des Autors aus. Das Buch „Sara und Serafina“ (2000) und das bei Suhrkamp verlegte 700-Seiten Werk „Der Trost des Nachthimmels“ (2016), wurden nicht zuletzt deshalb vom deutschsprachigen Feuilleton gefeiert.
Mit seinem letzten Buch „Einübung ins Schweben“ (Suhrkamp 2023) hat der Autor die Belagerung von Sarajevo literarisch noch einmal anders verarbeitet. Es hat ziemlich exakt dreißig Jahre gebraucht, bis Karahasan zu diesem letzten Höhepunkt seines Schreibens fand. Aus kollektiven historischen Erfahrungen heraus hat er hier Weltliteratur gemacht. Der Krieg erscheint in dem Buch als ein großer Verführer und als ein Ereignis, das sich seine Opfer auch mitten im humanen Denken sucht. So überzeugend hat darüber kaum jemand zuvor geschrieben. Und gerade auch vor dem Hintergrund eskalierender Weltlagen kann man von diesem Autor noch jede Menge lernen.
Dževad Karahasan hat zahlreiche internationale Preise erhalten, darunter den Jugoslawischen Romanpreis (1990), den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1993), den Herder-Preis (1999), den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2004), den Franz-Nabl-Preis (2017), den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main (2020) und den Fritz-Csoklich-Demokratiepreis (posthum).
Der Vorlass umfasst unter anderem handschriftliche Notizen, ein Typoskript zu einer Vorfassung seines Romans „Istočni diwan“ („Der östliche Divan“) und eine umfassende Sammlung von Publikationen von und über Karahasan, darunter vieles in bosnischer Sprache.